Blutiger Showdown

Das Theater Lüneburg stellt „Die Nibelungen“ auf die Bühne

Kriemhild überlebt den blutigen Showdown, von dem es im mittelhochdeutschen Original heißt: „Ine kán in niht bescheiden, waz sider dâ geschach:/ wann ritte unde vrouwen weinen man dâ sach,/ dar zuo die edlen knehte ir lieben friunde tôt. hie hâz daz mære ein ende: daz ist der Nibelungen nôt.“ Alle erschlagen. Bis auf Dietrich von Bern und Hunnenkönig Etzel. So ist es auch in Friedrich Hebbels „Deutschem Trauerspiel in drei Abteilungen“ aus dem Jahr 1861. Nur im Theater Lüneburg ist es anders. Dass Kriemhild in der Inszenierung von Martin Pfaff am Leben bleibt, ist grausiges Omen auf unsere Zeit – die Gewalt ist noch lange nicht am Ende.

Das Theater Lüneburg hat „Die Nibelungen“ auf dem Spielplan, und die drei Stunden sind eigentlich nicht langweilig. Obwohl man sich schon manchmal fragt, warum es ausgerechnet dieses Stück blutigster Literatur sein muss. Dieses Stück deutscher Selbstfindung, die Mär des strahlenden Helden Siegfried, das Drama, in dem von Toleranz an keiner Stelle die Rede ist, in dem Gier, Neid, unversöhnlicher Hass, Ehrgeiz und Selbstüberhebung die Personen charakterisieren.

Fotos: Barbara Kaiser

Martin Pfaff hat die Personage straff zusammengestrichen. Es fehlt beispielsweise Gunthers Bruder Gernot, Dietrich von Bern bekommt am Ende nicht vom erschütterten Etzel die Macht übergeben, als Zeichen für Versöhnung und ein liberaleres Denken.
Aber wie gesagt: In Lüneburg lebt Kriemhild noch. Der Schoß ist also fruchtbar noch, aus dem all das Verhängnis kriecht…

Der Abend zeigte eine aufgeweckte Aufführung. Held Siegfried (Jan-Philip Walter Heinzel) ist, im Bewusstsein, dass ihm nichts passieren kann nach dem Drachenblutbad, ein Großmaul in glitzerndem Anzug. Er ist es, der König Gunthers (solide und pragmatisch: Christoph Vetter) Ehrgeiz anstachelt, Brunhild zu besitzen. Der Hagen von Tronje ist bei Phillip Richert gut aufgehoben, er gibt dem wohl größten Verräter nach Judas Profil.

Die Frauen: Stefanie Schwabs Kriemhild mutiert glaubwürdig vom (selbstbewussten) Mädchen, zur liebenden Ehefrau und späteren Rache-Amazone. Die Brunhild von Beate Weidenhammer hat anscheinend statt der ihr nachgesagten Glut Eiszapfen im Blut.
Die Ensembleleistung war insgesamt eine sehr überzeugende, auch wenn nach der Pause die Textverständlichkeit angesichts der anschwellenden Lautstärken ein wenig auf der Strecke blieb.
Aufwändig die Kostüme, die für sich psychologisch fabulieren. Anja Kreher hat hier für die Ausstattung eine sehenswerte Arbeit abgeliefert. Das Bühnenbild aus ihrer Hand – spartanisch wie schlüssig.

So wird frisch und flink gespielt durch eine energietolle Truppe. Manchmal auch flapsig. Sogar filigran und symbolhaft - wenn Hagen nach dem Mord an Siegfried beispielsweise seine blutigen Hände bis zu Schluss behält. Die Regie führt die Figuren glaubhaft in ihren Beziehungen zueinander; intensiv, wo es sich anbietet auch auftrumpfend, immer mit Gespür und Geschmack.

Wer nach Höchstem strebt, hat eine Art Ehrgeiz, der zielgenau in den Untergang steuert. Das war bei den Nibelungen so. So funktioniert es, gepaart mit Hass, Gewalt, Eifersucht und Macht bis heute. Nichts Neues nach 800 Jahren? Ist Siegfried immer noch der „deutsche Nationalheld“, der er im 19. Jahrhundert - auf der Suche nach einem Nationalstaat - war? Reden wir heute über die Fremden wie Hagen damals über die Hunnen? Was sagte das über uns?

Im Programmheft dieser Inszenierung ist nachzulesen, warum das Haus in Lüneburg „eine solche Lawine humanen Scheiterns auf dem Theater zeigt“. Man postuliere damit eigentlich „eine große Sehnsucht nach Utopie…, weil eine wichtige Funktion von Theater und Kunst überhaupt … nämlich Trauerarbeit (ist)“.

So verstanden ist dieser Abend gelungen, denn es kommen einem eine Menge Fragen auf dem Heimweg. Schließlich hat Kriemhild, die Rächerin, überlebt…
Barbara Kaiser – 16. Oktober 2018

Weitere Aufführungen: Freitag, 26. Oktober, 20 Uhr. Dienstag, 13. November, 20 Uhr, Sonntage, 18. + 25. November, 19 Uhr. Donnerstag, 03. Januar und Samstag, 12. Januar, 20 Uhr.

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