Bleistifte von farbenreichster Art

Zur Ausstellung von Katerina Yerokhina und Annabella Kalisch im Kunstverein

Das Beste an der Kunst kann das Staunen über das Besondere an den Künstlern sein. Wohlgefallen empfinden wir angesichts derer, die ihre Eigenart auf unverwechselbare und originelle Weise zur Geltung bringen. Gemeint sind nicht die heute als „Event“ daherkommenden vermeintlichen Kunstsensationen. Nein, es ist von Erkennbarem die Rede, intensiv erlebbar gemacht durch Kunst.

Der Kunstverein Uelzen hatte laute Sensationen nie nötig, und dennoch gelingt ihm mit nahezu jeder Ausstellung Spektakuläres. In diesem Jahr verschrieb sich die Vereinigung – wie bereits zur Ausstellung von Patrick Fauck im Schloss (Mai) berichtet – der künstlerischen Technik, die gerade auf Antrag des Museums für Druckkunst Leipzig und des Bundesverbandes Bildender Künstler (BBK) ins Immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde: der Druckgrafik; ist also 2018 absolut tagesaktuell!

Katerina Yerokhina: Eitelkeit

Bis zum 24. Juni 2018 sind die beiden Künstlerinnen Katerina Yerokhina und Annabella Kalisch im Ausstellungsraum Theaterkeller zu Gast. Ihrer beider Metier: Bleistiftzeichnungen. Die Meisterschaft jedoch, die sie darin entwickeln, ist visuelle Poesie, in der die lebendige Welt zu Träumen von Lust, Leid und Erkenntnis gerinnt.
Mit den Bildern kehren Yerokhina und Kalisch in beinahe verschüttete Vergangenheit zurück. Ihre Kunst hat etwas Unwirkliches, ist geheimnisvoll und trotzdem reale Welt und greifbar.

Katerina Yerokhina             Fotos: Barbara Kaiser

Auf den Arbeiten ist Allein-Gelassensein, Zurückgezogenheit, ein Ton von Wehmut, vielleicht auch Besinnung. Sie sind Allegorien, Symbole oder Bilder, die Sinn hinter Sichtbarem suchen. Sie wollen die Welt entziffern und der Erscheinung der Oberfläche misstrauen.

Katerina Yerokhina wurde 1969 in der Sowjetunion geboren. Sie studierte in ihrer Heimatstadt Kiew an der Akademie der Künste. Seit 1990 beschickte sie zahllose internationale Ausstellungen, illustrierte auf zauberhafte Art auch Kinderbücher. Seit 2002 lebt die Künstlerin in Deutschland.
Annabella Kalisch ist Jahrgang 1988 und kommt von der Nordsee, wuchs in Husum auf. Sie studierte mit Masterabschluss in Hamburg und an der Muthesius-Kunsthochschule Kiel, war artist-in-residence in Joutra/Finnland und hat seit April 2018 einen Lehrauftrag an der Universität Paderborn.

Katerina Yerokhina: Venetianische Freske

Die Arbeiten, die den Besucher in der Ausstellung erwarten, haben bei aller Unterschiedlichkeit eines gemeinsam: Sie sind Bleistiftzeichnungen. „Nur“ Blei – aber so viel Farbigkeit war selten! Der Betrachter verliert sich in ihnen und findet sich doch wieder. Vielleicht mag man an den alten Streit um Wirklichkeitsflucht und Wirklichkeitsdienst der Kunst denken. Dass sich beides nicht ausschließt – dafür steht diese Ausstellung nahezu exemplarisch. Weil immer etwas in der Kunst ist, das über Realitätssüchtiges hinausgeht. Weil Kunst kein Realitäts-Abmalbetrieb ist, sondern Feier der Fantasie!

Annabella Kalisch: hasen.spiegel

Zum Beispiel Annabella Kalisch: Ihre Bilder scheinen Träume, flüchtige Blitze, Gedankenschnipsel mit so seltsamen Namen wie „hasen.haft“, „eulen.spiegel“, „himmel.grau“ oder „schatten.wuchs“. Es sind Szenarien, in denen sich das Gegenständliche auflöst und gleichzeitig zu Neuem zusammenzusetzen scheint. Ein Geflecht aus Mustern und Strukturen assoziieren Erlebtes, Wahrgenommenes, Gefürchtetes auch, werden zu einem Makrokosmos imaginiert, der dem persönlichen Mikrokosmos den Spiegel vorhält.
Ganz nach dem Credo des Psychologen Paul Watzlawick: „Wie man an die Wirklichkeit herangeht ist für das ausschlaggebend, was man finden kann.“ In den Bildern von Kalisch lässt sich eine Menge finden. Der Mensch ist dabei abwesend anwesend. Zum Beispiel bei „nacht.wache“ lässt sich der alte Nachtwächter mit Stab und Laterne denken. Oder aufmerksame Beobachter von einem Turm herab auf das Dunkel. Ist „hasen.haft“ ein Mümmelmann hinter Gitter oder benimmt sich einer ängstlich? Diese Antwort und viele weitere müssen die Besucher schon selber herausfinden.

Annabella Kalisch: eulen.spiegel

Ganz anders die Zeichnungen von Katerina Yerokhina: Ihr Stil lehnt sich an die Renaissance an, bietet Klarheit und Verworrenheit gleichermaßen. Hier finden sich Details, die den Rahmen zu sprengen scheinen. Die Personen sind meist Frauen, die auffällig ähnliche Augen haben, von betörender Schönheit sind und den Betrachter verlockend und sirenengleich anschauen. Die Titel können Unterstützung sein auf der Reise, auf die man sich begibt, steht man vor diesen Bildern: „In der Gondel“, „Säulen der Zweifel“, „Eitelkeit“ oder „Lucca“ – die Stadt in der Toscana – sind sie benannt.

Annabella Kalisch: nacht.wache

Ohne Schönheit hat das Leben keinen Zweck, war sich Paul Klee sicher. Angesichts der Arbeiten von Katerina Yerokhina ist nur heftig zu solch Aussage zu nicken. Da schält eine lächelnde Dame mit gesenktem Blick einen Granatapfel – sie weiß, wie es weitergehen wird: Sie wird die Frucht vielleicht ihrem Liebsten kredenzen…. „Auf Fortunas Hand“ tummelt sich ein munterer Zwerg, der mit diesem Drehpuzzle Zauberwürfel spielt. Er sucht jedoch keine Lösung in den gleichfarbigen Flächen, sondern er bringt die Farben erst durcheinander! Mir scheint, er hat auch ein wenig Tücke im Blick dabei….

Katerina Yerokhina: In der Gondel

Es ist der farbige Abglanz des Lebens, den diese Ausstellung zu bieten hat. Nicht weniger. Obwohl alle Bilder das verpixelte Grau des (Computer)Bleistifts haben. Und trotzdem: Welches Strahlen. Wie viel Buntheit!
Barbara Kaiser – 27. Mai 2018

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