Blaue Stunden per Mail

Ann-Cathrin Sudhoff und Ralf Bauer verfingen sich als Emmi und Leo im Netz

Was hilft Ihnen gegen Nordwind, liebe Leser? Gegen die täglichen kleinen Niederlagen, die Überforderungen? Was gäbe es für ein Mittel gegen die raue Luft, die einem viel zu oft entgegenbläst in Form von Lieblosigkeit, Zurückweisung oder Ignoranz? Als Rezept hülfen ein wenig mehr Sorglichkeit füreinander, kleine Aufmerksamkeiten, Verständnis – Liebe halt.

Für Leo und Emmi gilt das auch. Sie jedoch glauben - ganz dem Trend der Zeit entsprechend – sie fänden alles, was ihnen vermeintlich fehlt, im World Wide Web. Virtuell. Also eigentlich gar nicht existent. Aber so einfach ist es nicht, denn Leo und Emmi gibt es. Offenbar sogar in derselben Stadt wohnend. Sie prallen aufeinander durch einen klitzekleinen Buchstabendreher in der Mailadresse und schon verstricken sie sich in einen Schriftverkehr, der sie am Ende unglücklich machen wird.

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Fotos: Barbara Kaiser

Gibt es das? Sich virtuell ineinander zu verlieben? Was vor über 200 Jahren bei Werther und Charlotte undenkbar war, hält Daniel Glattauer für möglich. Im Jahr 2006 landete der (wie sein Kollege Goethe damals) mit „Gut gegen Nordwind“ einen Bestseller. Inzwischen läuft das daraus gekelterte Stück auf den verschiedensten Bühnen. In Bad Bevensen war das Tourneetheater München zu Gast; in der Rolle des Leo Ralf Bauer, als Emmi Ann-Cathrin Sudhoff. Zwei Gesichter, die man vom Fernsehen kennt.

Eine „virtuelle Alternative“, wollen Leo und Emmi, denn „wir können das nicht leben, was wir schreiben.“ Man fragte sich schon bei der Lektüre des Buches, das an manchen Stellen sehr nervt, denn es ist eigentlich ein Protokoll, keine Literatur, wie verantwortungslos die zwei Mitte 30-Jährigen an ihrer Umwelt handeln. Leo ist frischer Single, da mag das noch angehen, wenn er Ablenkung und Trost sucht. Emmi jedoch ist verheiratet – sie betont zu oft, wie glücklich – hat Kinder, einen Haushalt und eine Beruf zu managen. Wie funktionierte das?

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In der Regie von Wolfgang Knaus wurde die Buchvorlage sinnvoll gekürzt. Beispielsweise verzichtet die Inszenierung auf Emmis Versuch, Leo mit ihrer Freundin  Mia zu verkuppeln. Es ist wohl verzweifeltes Ansinnen mit gleichzeitigen Eifersuchtsanfällen, aus dieser Briefwechselnummer, die schon lange Suchtfaktor besitzt, herauszukommen.
In einem übersichtlichen Bühnenbild, das eine blau-transparente Wand als Hintergrund hat, agieren die zwei Spieler. Es ist ein insgesamt gelungenes Unternehmen geworden, das außer der Lockerheit der Dialoge auch Raum für Nachdenklichkeit einzuschieben weiß. Obwohl der Regisseur keine Fragezeichen inszeniert, das gäbe das Buch nicht her. Aber macht es nicht trotzdem nachdenklich, wie autistisch wir Menschen des 21. Jahrhunderts vor einem Computer hocken und Realität und Wunschdenken nicht mehr auseinanderzuhalten in der Lage sind?

gut-gegen-nordwindRomane (auch wenn Glattauers Vorlage keine Epik ist) auf der Bühne sind immer Notbehelfe. Ein Grat zwischen der Kopie des Urtextes und freiem Fabulieren. Die Kunst der Schauspieler musste hier darin bestehen, die Maildialoge mit ansehbarem und sehenswertem Leben zu füllen. Das gelingt ohne Zweifel, obwohl Bauer und Sudhoff an keiner Stelle einander zugewandt sprechen dürfen. Es ist ein Theater des Supermarktes: Für jeden etwas dabei. Ein Quäntchen intelligente Komödie - schlagfertig und witzig, eine Prise Lustspiel und viel Bewegung durch gut dosierte Garderobenwechsel und Räumaktionen, ein bisschen weinseliger Schwank. Die zwei Stunden sind mit Sinn für Rhythmus inszeniert, sodass der Abend nicht abstürzt in Langeweile. Überzeugend unpathetisch und manchmal mit einem Gran Weisheit – ein verständnisvolles Lied über (eigentlich) gescheiterte Menschen.

Das Theater an der Lindestraße war so voll wie lange nicht. Hatten  alle das Buch gelesen oder zogen die TV-Gesichter? Dem Publikum gefiel diese, wie es im Buch heißt, „Liebesutopie aus Buchstaben gebaut“. Vielleicht hat der eine oder andere den Abend aber auch nachschwingen lassen? War diese bunte Selbstdarstellung und dieses Klammern an einen virtuellen Partner nicht auch Ausdruck einer Einsamkeit?

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Theater müsse Realität wie ein Menetekel an die Wand malen, sagte der Regisseur Armin Petras einmal. So gesehen darf man sich die Frage stellen: Wie einsam sind wir trotz, sagen wir, 256 Facebook-Freunden? Also: Einfach mal den Computer ausschalten!
Die gute (?) Nachricht zum Schluss: Es gibt eine Fortsetzung mit Emmi und Leo. „Alle sieben Wellen“, Glattauers zweites Buch zum Thema, kommt in der neuen Spielzeit auf die Bretter an der Lindenstraße.
Barbara Kaiser - 25. Januar 2015

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