„Bestimmte Geschichten ergeben sich von selbst“

Autor Stephan M. Rother aus Bad Bodenteich wird 50 – Versuch einer Annäherung

„Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn und Zusammenhänge des Textes, nebst der Moral und aller Feinheiten desselben, erst recht verstehen lehrt.“ Das sagte der Philosoph Arthur Schopenhauer und nimmt man ihn beim Wort, dann schreibt Stephan Rother seit zehn Jahren am Kommentar seines Lebens. Oder des Lebens generell, denn seine Bücher, auch oder gerade die letzte Trilogie Fantasy, die „Königschroniken“, sind kompatibel für unser globales Zusammenleben.
Ich habe Stephan Rother mit seinen Magister-Auftritten erlebt und darüber hinaus zwei Mal länger mit ihm zusammengesessen - es war jedes Mal eine Freude. Beim Kaffee, umschnurrt von Katzen, die sich bei zu ausufernden Gesprächen allerdings gelangweilt abwenden. Und ausführlich wurde es immer am Tisch von Rother, auch seine Mails umfassen schon mal vier A4-Seiten.

Wie lange ist es her, dass ich Stephan Rother in seiner Rolle als Magister das erste Mal sah? Ewigkeiten! Intensiver erinnere ich mich an einen Abend auf der Burg Bodenteich im Jahr 2003, wo er François Villon (1431 bis 1463) war: „Drum soll man nie vor den Gewalten /der Obrigkeit den Schnabel halten!” Welch` Wahrheit – und dabei schon 550 Jahre alt. Rother hielt nicht seinen Schnabel. Er tat das zum Vergnügen der Zuschauer, die mit ihm ein bisschen Voyeur waren, ein wenig Moralist auch mit einem Quäntchen Schadenfreude, die Entrüstung ausschütteten über dem armen, gebeutelten Poeten, Zuhälter und Höfling, der sich offenbar nie anpasste. Der seine Freiheit liebte, aber auch so gerne ein bequemes Leben gehabt hätte. Aber das gelingt eben nur Opportunisten. Villon, „der raue Knecht, /der noch zu dichten sich erfrecht.“, war das zuallerletzt. Er war zwei Mal zum Tode verurteilt, verbannt für eine lange Zeit seines Lebens, das insgesamt nur 32 Jahre dauerte. Er hatte es, aus armen Verhältnissen stammend, mit Protektion zu den akademischen Graden Bachelor und Magister gebracht, fühlte sich aber zwischen Huren wohler und ging offenbar nie einem Händel aus dem Wege.
Stephan Rother erschien damals fesch in engen Strumpfhosen, Samtwams, Schnabelschuhen und lederbetontem Gemächt. Er ordnete als der sterbende Villon auf der Bühne seine Papiere und erzählte sehr anschaulich von bewegtem Leben, malte dabei ein Sitten- und Städtebild, kolorierte es mit Versen des großen Kollegen, ließ Stimmungen durch Lieder aufs Schönste unterstreichen. Die Dramaturgie der fast zwei Stunden des Spiels stimmte. Und das Publikum erfuhr eine Menge über den Mann, der Erdbeermünder und rote Haare liebte, „ein armer Wanderer, ein Hund auf dieser Welt“ war und sich die Lungen wund schrie nach jedem weißen Leibe!

Stephan Rother hat mit solchen Auftritten große Erfolge gefeiert. Warum hatte er im Jahr 2008 den Magistermantel an den Nagel gehängt? Mit ihm tourte er als „Deutschlands erster, bester und einziger Standup Historian“ durchs Land. Mit welchem Anspruch? „Wenn ich heute solche Veranstaltungen mache, möchte ich das Mittelalter in den Augen des modernen Menschen spiegeln“, erklärte er damals. Es ärgerte ihn, wenn er sich den Vorwurf gefallen lassen musste, dass sein Kostüm ja aus synthetischem Material sei. Denn genau das sei der Punkt: Es war ein Bühnenkostüm! „Es ging nie darum zu sagen, ich zeig euch jetzt, wie es im Mittelalter war.“ Er wollte ein Bild der Epoche zeichnen, wofür er sich Prototypen erfand, die gelebt haben könnten, aber nicht (immer) historisch authentisch sind. 150 Auftritte im Jahr absolvierte Stephan Rother auf diese Art. Er hatte 16 Wissensvorträge abrufbar; Titel wie „Hanse, Hexen, Henkersknechte“ oder „Mönche, Märkte und Moneten“, bewiesen auch im Kleinen ein sicheres Gefühl für Sprache. Ein Gefühl für „seine“ Zeit, das Mittelalter, sowieso.
Die Fahrerei aber wurde ihm letztlich zu viel, denn er war in ganz Deutschland unterwegs. „Was mich grundsätzlich nicht gehindert hätte“, schrieb er mir auf eine Frage dazu, „das Ganze hier vor Ort weiterzubetreiben… Zugleich musste ich aber an einen Satz von – ich glaube Manfred von Ardenne – denken, dass man alle zehn Jahre etwas anderes machen solle.“ Und weil ihm dieser Gedanke gefiel, schien es passend, zum 40. Geburtstag einen Bruch herbeizuführen.
Für seinen 50. plane er aber keinen solchen, beteuert Stephan Rother. Warum auch. Die Liste seiner Bücher ist auf 19 angewachsen. Von „Welt in Flammen“ und „Der Turm der Welt“ gibt es Übersetzungen ins Italienische und Serbische. Ein Stern hinter dem Titel (siehe Auflistung) bezeichnet ein Jugendbuch. In der Aufzählung fehlen Hörbücher, Buchclubausgaben, spätere Ausgaben als Taschenbuch, Fälle, in denen Rother Werke anderer Autoren aus dem Englischen übertrug und deswegen zum Teil als Co-Autor geführt wird. Weiterhin gibt es ein Sachbuch über historisch-fantastische Gewänder, das er mit seiner Frau gemeinsam verfasste, und die Veröffentlichung über die Herren von Bodenteich, die über den Burgverein erschienen ist.
Einige neue Projekte sind im Gespräch. Zu meinem persönlichen Bedauern wurde nichts aus einer deutsch-deutschen Geschichte. Aber die Forderungen des Verlags hätten dahin geführt, dass „es nicht mehr meine Geschichte gewesen wäre“, sagt der Schriftsteller. „Am Ende kam ich mir auch zu sehr wie ein Musiker vor, der auf Zuruf spielt.“

Fotos: Barbara Kaiser

Erschienen ist im Sommer ein neues Fantasy-Buch. „Die Prophezeiung des magischen Steins" ist ein fantastisches Abenteuer für alle Altersklassen. Die Geschichte ist spannend, hat aber auch ruhige Momente. Blutige Schlachten und Kampfszenen findet man hier nicht, doch langweilig ist es trotzdem nicht. Stephan M. Rother erzählt mit viel Humor und Augenzwinkern, die schrulligen Figuren haben mich mehrfach zum Lachen gebracht.“ Das schrieb eine Leserin im Netz über den neuesten Erfolg des Autors. Das Jugendbuch hat als Altersangabe 12 bis 99, und Stephan Rother konnte es sich leisten, die Geschichte zehn Jahre lang liegenzulassen, weil ihm sein damaliger Verlag nach der Übernahme durch einen größeren inzwischen mit zu wenig Liebe und zu viel Kommerz ans Bücherproduzieren gegangen war. - „Dafür war mir die Geschichte zu schade.“ - In einer neuen Kooperation ist das wieder anders.
In Kürze wird der dritte Band der „Königschroniken“ erscheinen. Nach dem Reif aus Eisen und aus Bronze jetzt der aus Silber und Gold. Der zweite Band ist inzwischen auf der von Fachjournalisten kuratierten Bestenliste platziert. „Das ist schon eine Auszeichnung und sicher auch ein Hinweis, dass die Subtexte tatsächlich wahrgenommen werden“, freut sich Rother.

Im Gespräch mit Stephan Rother kommt man von Steinchen auf Stöckchen. Wir reden über die fünf Katzen, die zum Haushalt gehören, über die Menschen im Allgemeinen und die gegenwärtige Gesellschaft im Konkreten und entdecken, dass der Schriftsteller einen seiner Helden an Malcolm, den Tyrannenmörder in „Macbeth“, anlehnte. Beide kamen per Kaiserschnitt zur Welt, waren „nicht vom Weib geboren“ – und deshalb für große Aufgaben prädestiniert. Und als ich ihn nach zweieinhalb Stunden frage, worum es in seinen neuen Büchern geht, antwortet er: „Eigentlich sind wir mittendrin.“ Siehe die offenbar geschätzten Subtexte seiner Fantasy-Publikationen!
Der ehemalige Magister hat den Magister-Titel längst erworben. Geboren im Jahr 1968 in Wittingen, legte er das Abitur in Hankensbüttel ab, danach studierte er in Göttingen Mittlere und Neuere Geschichte, Kunstgeschichte und Deutsche Philologie. Das Abschlusszeugnis, datiert aus dem Jahr 1997. Der Autor liebt Wagners „Tannhäuser“ und den „Ring“ und träumte schon vor 13 Jahren bei unserem ersten langen Gespräch von Theaterprojekten. Zusätzlich hatte er fast schon Panik, dass er – mit noch nicht einmal 40 – keine Zeit mehr haben würde, einen Parzival-Roman zu schreiben. Inzwischen ist Rother ganz bei sich. Eine Art Parzival gibt es in der Trilogie der „Königschroniken“ auch, das Epos über eine erfundene Welt, deren Reiche durch eine „Welt-Esche“ verbunden sind.
Die Autoren heutzutage trauen sich lange Wege zu. Einige von Rothers Büchern haben Fortsetzungen, beispielsweise die um Kommissar Albrecht in „Ich bin der Herr deiner Angst“ – ein wirklich guter Thriller mit einem zitatenfreudigen und –festen Ermittler.
Aber Stephan Rother, der mit Michael Ende und Otfried Preußler groß wurde, geht diese langen Wege fabuliertoll und als Wächter über alle Nuancen. Der Anspruch: „das geht noch klingender“ treibt ihn voran. Er reimt auch im Daktylus, wo es passt. Er beschwört Personen in Detailtreue und Charakterschärfe herauf, die ihn als unmittelbaren Beobachter auszuweisen scheinen. Dabei gelingen ihm so fast weise Sätze wie diese: „Bücher sind unsere Erinnerung. In die Zukunft zu schauen, ist keinem Menschen gegeben. In welche Richtung aber sollen wir uns sonst nach Hilfe umsehen in einer sich verdüsternden Gegenwart?“
Rother liebäugelt auch mit Stoffen, die für ein Singspiel geeignet wären – „im Kopf habe ich `Operette`, aber inzwischen ist ja alles `Musical`“. Zu ihm passte sowieso viel besser Mozarts „Entführung aus dem Serail“ oder „Cosi fan tutte“!

Eine Unterhaltung mit dem nun 50-Jährigen bringt Gewinn und Genuss, weil Rother in der Lage ist, wahrlich zuzuhören und auf den Gesprächspartner einzugehen, Eigenes beizusteuern, Oberflächliches beiseite zu lassen, nachdenklich zu bleiben.
„Es ist so, dass sich aus dem, was mir Kopf herumgeht, von selbst bestimmte Geschichten ergeben“, erklärt Rother seine Arbeit. Das Genre steht im Voraus dabei nicht fest. So kam er auf seine „Welt in Flammen“ am Ende durch das Verwundern oder Entsetzen darüber, dass im Jahr 1940, also mitten durch den Krieg, noch ein Luxuszug von Paris quer über den Balkan nach Istanbul fuhr. Die Mitreisenden dachte er sich aus – aber es hätte so ähnlich sein können, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse so waren. Ein blitzendes Spannungsfeld. -
Was sucht man als Leser in der Literatur? Den Duft der Jahreszeiten, Lebenswahrheit und Erfahrung, Sinnlichkeit, Trauer und Lust. In den Büchern von Stephan Rother wird zudem wieder einmal klar, dass der Mensch als Charakter und gesellschaftliches Wesen sich nicht wesentlich ändern kann. Egal, wie lange seine Lebenszeit zurückliegt.

Nachdem Stephan Rother und ich auf das Thema Ost-West (und das geplatzte Buchprojekt) gekommen waren in unserer Unterhaltung, schickte ich ihm meinen Artikel zu 20 Jahre Mauerfall, der damals – 2009 - in dieser Zeitung erschien. Dazu passte genau, dass vor drei Wochen das Gesprächsbuch von Jana Hensel und Wolfgang Engler publiziert wurde: „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“. Rother schrieb mir dazu, nachdem er ein Interview mit der Autorin und dem Philosophen im Radio gehört hatte, dass es ihn beschäftige, was „Umbrüche und die Erfahrung von Umbrüchen mit Menschen tun und wie Menschen mit Umbrüchen leben. Aus Ihrem Beitrag wie aus dem Beitrag im Deutschlandfunk (das Buch werde ich mir besorgen) ist meiner Meinung nach sehr viel zu lernen. Worin ich überhaupt einen ganz wichtigen Gedanken sehe: Neben der Wertschätzung von Biographien das Voneinander-lernen. Und das kann nur in beiden Richtungen passieren.“
Es sei hier kühn behauptet, dass bei einem solch grundsätzlich anderen Umgang mit den Menschen im Osten vor fast 30 Jahren heute Pegida und AfD nicht solch große Chancen witterten! Hätte man nicht nur die Unbeteiligten mit ihrer Interpretation der Geschichte streiten lassen, sondern auch die Erinnerungen der Menschen, die mittendrin waren…
„Kein kluger Mensch hat jemals gewünscht, jünger zu sein“, war sich Jonathan Swift sicher. Ich denke, Stephan Rother will das auch nicht, obwohl er sich manchmal jagen lässt von Verlagsterminen, besitzt er genauso die Contenance, abzuwarten, reifen zu lassen. Eigentlich passt er gar nicht so recht in diese hektische Zeit. Aber wir bedürfen solcher Menschen, weil sie uns – ob als Redner oder Schreiber – den Spiegel vorhalten: Menschen bedenkt, dass ihr sterblich seid und unsere Welt zerbrechlich ist! – Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Barbara Kaiser - 27. Oktober 2018

 

VERÖFFENTLICHUNGEN:
Der Adler der Frühe (2000)
Der Weg nach Altamura (2005)
Das Geheimnis des Dorian Grave (2008)*
Der Mantel der Winde (2009)*
Die letzte Offenbarung (2009)
Der Fluch des Dorian Grave (2009)*
Das Babylon-Virus (2010)
Der Stein des Raben (2010)*
Ich bin der Herr deiner Angst (2012)
Sturmwelle (2012)
Öffne deine Seele (2013)
(Als Robert Marten) Im dunklen Holz (2013)
(Als Benjamin Monferat) Welt in Flammen (2014) - Italienische (2015) und serbische (2017) Übersetzung
Ein Grab mit deinem Namen (2015)
(Als Benjamin Monferat) Der Turm der Welt (2016) - Italienische Übersetzung (2017)
Ein Reif von Eisen (2017)
Ein Reif von Bronze (2018)
Die Prophezeiung des magischen Steins (2018)*
Ein Reif von Silber und Gold (2018)

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