Behaglichkeit verweigert

„PoetenPack“ aus Potsdam spielte George Taboris Farce „Mein Kampf“

„Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, zitiert Frau Tod. Verführerisch in Schwarz und Nerz gewandet. Der junge Mann verbeugt sich devot wie galant, ganz Wiener Charme, deutet einen Handkuss an und erwidert: „Sie können sich auf mich verlassen, gnädige Frau!“ Dann schreiten beide die große Showtreppe nach oben – der Bund ist geschlossen. Jude Schlomo, der diesem Jungen erst zu derlei Selbstbewusstsein verhalf, weil er die Nächstenliebe seiner Heiligen Schrift ernst und wörtlich nahm, bleibt einsam zurück. Woher sollte er die Kraft nehmen, all das zu ertragen, was in den folgenden Jahren auf ihn und sein Volk zukommen wird?

Die Theatertruppe „PoetenPack“ aus Potsdam gastierte im Theater an der Ilmenau mit George Tabori, an dessen 100. Geburtstag im letzten Jahr zu erinnern war. Der Dichter, der die Auffassung vertrat, ein Zuschauer und Leser sollte durch das Gesehene oder Gelesene „an den Abgrund der eigenen Biografie geschleudert werden“, führt uns mit „Mein Kampf“ eine provokante Auffassung von Menschlichkeit vor: Dass ausgerechnet ein Jude Hitler einen Bruder nennt. Das war Taboris Bild für das hintergründig Siamesische von Gut und Böse, von Tätern und Opfern.

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Fotos: Barbara Kaiser

Geboren als György Tabori im Jahr 1914 in Budapest, verlor er einen Großteil seiner Familie in Auschwitz. Trotzdem blieb er als Autor der große Zusammenführer von Lachen und Weinen, von Tragödie und Komödie. In Taboris Theaterkunst ist Bertolt Brechts Verfremdungstechnik genauso präsent wie Samuel Becketts Absurdität oder Franz Kafkas Schwärze.
Aus all dem versuchte die Theatercompagnie aus Brandenburg nun eine Melange. In der Regie von Andreas Hueck und im einheitlich grauen Bühnenbild von Janet Kirsten agierten die sieben Spieler in dieser Balance aus Witz und Wahnsinn, zwischen Banalem und Erhabenem.

mein-kampfDa kommt also dieser Hitler nach Wien, um sich in den Künsten ausbilden zu lassen. Man stelle sich vor, er hätte besser in Öl gemalt, als die Welt in Brand zu stecken. Besessen von seiner Rassenideologie und Wagner-Verehrer ist er aber bereits zu diesem Zeitpunkt. Gestrandet in einem Männerwohnheim, lässt er sich von Schlomo bedienen und bemuttern, übt sich in der Rhetorik, die den späteren Diktator vorbereitet. Die über dem Kopf fuchtelnde Hand gestattet der Regisseur seinem Darsteller an der einen oder anderen Stelle schon.
Tilmar Kuhn ist ein charismatischer Hitler zwischen Feigheit und Größenwahn. Und weil das Böse am schönsten funkelt, ist er das Kraftzentrum der Aufführung. Teo Vadersen als Schlomo paart seinen entwaffnenden Charme mit präzis gebauter Komik. Auch im Zweifel, der jedoch kein Aufbegehren kennt.

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„Wo bist du, Schlomo? Wo?“, fragte Lobkowitz (Andreas Hueck) ganz zu Beginn ins Publikum. Es ist die zweifache Frage: Die Gottes, der Kain nach seinem Bruder Abel fragt, und die an uns, wo wir waren (oder sind), als es den Juden ans Leben ging. – Thomas Mann schrieb einen Aufsatz mit dem Titel „Bruder Hitler“, Heinar Kipphardt ein Stück „Bruder Eichmann“. Beide geben sich darin überzeugt von der Verführbarkeit eines jeden (!) zum Grässlichen.

Zwischen Kumpanei-Gegröle - dem lauthalsen Gesang von „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, einem der Lieblingslieder der Waffen-SS -, den leiseren Gesprächen, dem zaghaften Liebesgeflüster zwischen Gretchen (die bald zur BDM-Maid mutiert) und Schlomo und dem Auftritt von Frau Tod oszillieren die Szenen. Bei keiner einzigen sollte der Zuschauer vergessen, den historischen Hintergrund und Fortgang mitzudenken.

mein-kampf5Tabori nannte sein Stück einen „theologischen Schwank“ oder eine „Farce“. Als unwahrscheinliche aber denkbare Situation bezeichnet das Lexikon die Farce. Es hätte sehr wohl so sein können: Der noch nicht 20-jährige Hitler trifft anlässlich seiner Bewerbung an der Kunstakademie Wien auf den jüdischen Bibelverkäufer Schlomo Herzl. Das geschichtliche Ergebnis jedoch wäre wohl nicht anders ausgefallen, trotz aller erwiesenen Güte an diesem jungen Mann.

Die Aufführung kommt, wenn überhaupt, erst im zweiten Teil in Gang, obwohl die künstlerische Leistung der Darsteller eine akkurate wie erfreuliche ist. Es fehlt ihr aber die gallige Satire, die der Autor vielleicht gewollt hätte, und ein wenig Wärme. Erfreulich: Der Saal war mit hauptsächlich jungen Menschen besetzt. Bleibt die Frage, ob sie die Beklemmung, die aus geschichtlicher Verantwortung wachsen muss, zu jedem Zeitpunkt mitzufühlen in der Lage waren. Denn gegen Ende der fast drei Stunden wurde es hörbar unruhig in den letzten Reihen.
Weil der Aufruf, das Fanal, dass niemand aus persönlicher Haftung befreit wird, dieses den Atem-stocken-lassen angesichts des schmalen Grats zwischen Freundlichkeit und Grausamkeit ein wenig zu kurz kam. Ein „Abgrund der eigenen Biografie“ (siehe oben) war nicht erkennbar, machte nicht betroffen.

mein-kampf1Ob alle Theaterbesucher zu der Überlegung gelangten, wozu jeder, auch er selbst, fähig wäre, änderten sich in der Gegenwart die Verhältnisse nur um das entscheidende Quäntchen Druck und/oder Fanatismus? Der Mensch richtet sich ein in den jeweiligen Verhältnissen – das bleibt Wahrheit. Und Moral gründet sich zwar zuallererst auf der individuellen Freiheit des Handelns, schließt jedoch genauso ein,  Kraft für „das Gute“ nicht aufbringen zu können oder zu wollen.

Aus gegebenem Anlass zwei aktuelle Nachsätze: Die Bundesregierung sieht keine Veranlassung, den 70. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg mit einer offiziellen Feierstunde am 8. Mai 2015 im Parlament zu würdigen. -  Lutz Bachmann, Pegida-Mitbegründer und Fratze als Hitler-Selfie im Netz, ist in den Vorstand der islamfeindlichen Bewegung zurückgekehrt.
Barbara Kaiser – 26. Februar 2015

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