Bach? – Meer!

Kreiskantor Erik Matz sprach im voll besetzten Ratssaal über Johann Sebastian Bach

Noten des Barock-Titanen halten alles aus – auch, dass Zara Leander Matthäus-Passion singt. Im Film „Heimat“ aus dem Jahr 1938 transponierten die Macher für sie eine Arie in die Tiefe, und die Kamera fährt an den dramatischen Stellen in Riefenstahl-Ästhetik den Domturm nach oben. Erik Matz ersparte seinen zahlreichen Zuhörern diesen Schinken nicht, aber wie gesagt, Bach würde es nicht gekratzt haben…

„Nicht Bach, Meer sollte er heißen!“ Mit diesem - übrigens nicht belegten – Ausspruch von Beethoven, überschrieb Kreiskantor Erik Matz einen seiner vielbeachteten Musikvorträge im Ratssaal (auf Einladung des Kulturkreises) und widmete sich dieses Mal dem Kollegen Thomaskantor.

Fotos: Barbara Kaiser

„Wussten Sie, dass diese Musik, die rund um Ostern in Kirchen und Konzertsälen in der ganzen Welt gespielt wird, fast vergessen worden wäre? Johann Sebastian Bach starb 1750. Danach war er ziemlich tot. Bis auf ein paar Schüler und Musikexperten interessierte sich erst mal niemand mehr für ihn. Auf Bachs Grab in Leipzig stand noch nicht einmal ein Stein, die Familie hatte sich keinen leisten können, der Stadt schien der Tote einer solchen Ehre nicht wert.“ (ZEIT online 1. April 2018)

Mit diesem Zitat leitete Matz seinen Vortrag ein, um am Ende ein Stück weit zu widerlegen, dass der große Thüringer nach seinem Tod wirklich vergessen war. „Brauchen wir immer ein Bild?“, fragte er. So wie Mozart, der verrückte Spinner. Beethoven, der Grantelnde, weil Ertaubende. Bach, das verkannte und vergessene Genie? Daran wolle er ein wenig kratzen:

„Bach war keineswegs das verkannte Genie, seine Zeitgenossen haben sehr viel von ihm gehalten“, unterstrich der Referent. So schrieb der Rektor der Thomasschule über seinen Kantor damals, dass der in der Lage sei, „Heere von ganz verschiedenen, aber immer zueinander passenden Tönen hervorzubringen“, für jeden Instrumentalisten oder Sänger mitzuhören und alles im Spiel zusammenzuhalten. Man dürfe nicht vergessen, so Matz, wo Musik in diesem Jahrhundert stattfand! Doch nicht in einer Öffentlichkeit wie heute. „Das Bürgertum und Konzertsäle entstanden erst, um eine breitere Masse zu erreichen.“

Erik Matz hangelte sich entlang der biografischen Daten Bachs, die lückenlos sind zwischen Eisenach und Ohrdruf, Köthen und Leipzig. Dass er ihn einmal auch in Dresden Kapellmeister sein ließ, war sicherlich ein Versprecher. Die Kompositionen verzeichnet das Bachwerkeverzeichnis (BWV) bis zur Nummer 1080.
Der Redner parlierte abwechslungsreich und wusste so manchen Schnack, dass der Komponist beispielsweise in Arnstadt vier Rügen bekommen habe. Wegen eines Weinkellerbesuchs während des Gottesdienstes und Urlaubsüberziehung. Dass die Gemeinde kein Verständnis aufzubringen vermochte für die fantasievollen Variationen zwischen den Choralstrophen, die sie sang, ist auch belegt.
Matz beschäftigte sich mit Legenden und Spekulationen, dass Bach nach dem Willen der Biografen von Ohrdruf nach Lüneburg zu Fuß gegangen sein soll etwa und fragte, ob es „die richtige Bachinterpretation“ gebe.

Damit war der Vortragende bei den Musikbeispielen. Eine Aufnahme der Motette „Der Geist hilft meiner Schwachheit auf“ mit dem Thomanerchor aus den 1930er Jahren und 70 Jahre später belegte Unterschiedliches. Es war interessant, dass die erste Interpretation - offenbar ganz im Sinne der braunen Machthaber - heroisch und hymnisch daherkommt, im Jahr 2000 wieder ursprünglicher, inniger ist.
Ähnliche Beispiele folgten mit einer Arie der Matthäus-Passion, die vor 80 Jahren wie Wagner klingen darf, und zu der Karajan um 1970 eine wahre Sinfonie herum strickte.

Habe ich etwas vermisst an diesem Abend? Vielleicht hätten die Tonbeispiele sich nicht nur hauptsächlich auf die Matthäus-Passion kaprizieren müssen. Bach geht genauso als Rap des 21. Jahrhunderts! Denn eigentlich kommt doch alle Musik von diesem großen, einzigartigen Johann Sebastian… Dem sein Kollege Beethoven die Wucht eines Tsunami bescheinigte.
Barbara Kaiser – 25. Februar 2019

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