Aus einem Guss

Kammermusik-Gala die zweite

Was für ein Parcours! Drei Mal vier Sätze! Beethoven, Mendelssohn, Dvorák! Und was für Musiker! Auch wenn sich wieder zu wenige Studenten fanden für die Instrumentenparts - was man bedauern kann -, aber die jungen Leute werden auch im Studieren vieles für sich mitgenommen haben. Kammermusik-Gala die zweite, der Zuhörer fühlte sich im Bann dieser brillant musizierten Werke.

Unter denen, die sich aufs Podium trauten, war auch Peter Wang, der 18-jährige kanadische Pianist. Er spielte mit Siyan Guo (Geige) und Troels Svane (Violoncello) den ersten Satz des Klaviertrios Es-Dur op. 72,2 von Ludwig van Beethoven. Ein energisch fordernder junger Mann, der von ruppiger Kraft war, genauso jedoch die singenden Läufe darbot.

Peter Wang, Klavier               Fotos: Barbara Kaiser

Der Rezensent nach der Uraufführung 1809, E.T.A. Hoffmann, erkannte Mozart-Anklänge. Da es aber Beethoven ist, vertändelte sich Wang nicht unnütz in seinem Spiel. Schön gerahmt von der Violine und dem Cello. – Für Satz zwei, drei und vier musste wieder Hinrich Alpers  einspringen in Ermangelung anderer mutiger Pianisten. Und so wurden „das Lieblichste und Graziöseste“ (E.T.A. Hoffmann) des dritten Satzes und das „Treiben und Drängen“, das „Spiel der aufregendsten Phantasien“ von Satz vier nicht zu Zuckersüßem, sondern erklangen in lockerem Drive. Delikat ausgemalt, hier und da mit einem Augenzwinkern, wenn die Motive reizvoll umeinander geisterten.

Für den zweiten Programmpunkt, das Klavierquartett h-moll op. 3 von Felix Mendelssohn-Bartholdy fand sich gleich gar kein Student, sodass Hinrich Alpers am Klavier saß, Guo Siyan die Geige, Wojciech Garbowski die Viola und Sabine Frick das Violoncello strichen. Ein reines Dozentenkonzert also – aber was für eins!

Die vier Instrumentalisten lieferten die Spannung zum romantischen Sound und rissen den Zuhörer hinein in eine Leidenschaft der Beteiligung. Das Quartett lebte von der Balance zwischen opulentem Klang und sorgsam ausgehörtem Detail. Das Publikum, das übrigens wieder zahlreich kam, erlebte pure Musizierlust und Tonschönheit.

Sofia von Freydorf, Cello

Wenn man sich dazu vergegenwärtigte, dass der Komponist diese Partitur im zarten Alter von 15 Jahren (1825) schrieb, konnte man nur perplex sein. Er widmete sie übrigens Johann Wolfgang Goethe, der sich nach der Aufführung hingerissen gab. Wahrscheinlich hat der Alte nach dem wunderbaren Andante seine inflationär gebrauchten Worte geprägt, dass sich in einem Quartett vier Leute vernünftig unterhalten. Beim Scherzo des Satz drei, so schrieb er später an Freund Zelter, habe er sich „Hexentänze auf dem Blocksberg“ vorgestellt, um wenigstens etwas zu imaginieren. Was beweist, dass er so viel Verständnis für Musik nicht aufgebracht haben kann!

Wunderbare Streicher und der Pianist musizierten mit dem Gefühl für den Schwung dieser Noten und einem langen Atem und Sinn für die Proportionen. Nirgendwo hatte man das unbehagliche Gefühl von Glätte oder Unverbindlichkeit. Dafür gab es jubelnden Applaus!

Nach der Pause wurde noch einmal aufgestockt: Das Klavierquintett A-Dur op. 81 von Antonin Dvořak war mit seinen knapp 45 Minuten Dauer wohl auch das längste Stück Musik des Abends. Siyan Guo, der das größte Standvermögen brauchte, und Wojciech Garbowski hielten an Geige und Bratsche durch, dazu kam in Satz eins die Pianistin Leah Kang (USA), abgelöst in den Sätzen zwei bis vier von Jerome Loewenthal, dem von allen verehrte Lehrer aus New York. Für alle vier Sätze standen Sofia von Freydorf (Violoncello/Dresden) und Melanie Ickert (Violine/Wiesbaden) bereit.

Leah Lang, Klavier

Jerome Loewenthal

Das Quintett aus dem Jahre 1888 ist das wahrscheinlich am meisten gespielte des Komponisten. Es ist überreich an melodischen Erfindungen und üppigem Klang und verarbeitet Volkstümlichkeit mit spätromantischem Pathos. Im ersten Satz erblüht ein Cellothema, das sich mit einem fast sinfonischen Tutti abwechselt. Das Seitenthema der Bratsche ist wunderschön und wird in monumentale Ausmaße gesteigert. Fröhlich die Dumka in Satz zwei, ein ukrainischer Volkstanz, der zwischen langsam und schnell switcht, und der Furiant als Scherzo. Das Finale des vierten Satzes zeigt, wie Polka auch fugato funktioniert.

Melanie Ickert, Violine

Das Erlebnis des Abends war trotzdem nicht Schwelgen in Schönklang, sondern das Erstaunen (oder Erschrecken) über Klanggewalt. Da bildete intelligenter musikalischer Zauber mit bewundernswerter Sinnlichkeit eine Melange.
Man muss hier nicht beckmessern wollen, wenn fünf ausgewählte Musiker spielen. Die Darbietung war aus einem Guss. Das Cello zum Niederknien, das Klavier in beseeltem Tone. Alle zusammen fern jeglicher Willkür und mit einer erkennbaren musikalischen Leitidee.

Nach fast drei Stunden war der Applaus noch einmal gewaltig. Chapeau! Den Hut gezogen vor allen, den Studenten und ihren Dozenten, die schönste Gemeinsamkeit präsentierten.
Barbara Kaiser - 29. Juni 2017

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