Auf vitaler Hochtour

Die Musikstudentin Oksana Goretska war zu Gast im Kloster Medingen

Diese junge Dame ist gerade erst 16 Jahre alt und hat noch ein sehr langes Musikerleben vor sich. Dass sie technisch bereits auf der Höhe der Anforderungen ist, bewies sie im diesjährigen dritten Konzert der Junge-Pianisten-Reihe mit jedem Programmpunkt. Aber wie stand es mit der Interpretationskunst der im Jahr 2000 in der Ukraine geborenen und in Rostock studierenden Musikerin? Ist die eher zeitlose Unverbindlichkeit oder ein Hinterfragen? Mehr Arrangement, das von den Noten mehr vorenthält als es an Gefühl bietet, oder Einfühlung?

Oksana Goretska hatte sich im Kloster Medingen Partituren aufs Notenpult gelegt, die die halbe Musikgeschichte durchschritten; vom Barock über die Klassik und Romantik bis zur Moderne. Sie spielte Domenico Scarlatti, Ludwig van Beethoven, Frédéric Chopin, Sergej Prokofjew, Sergej Rachmaninow und Alberto Ginastera. Sie tat es kraftvoll leuchtend, aber auch kraftmeierisch. In einer fast ruppigen Exzentrizität. Ihre Darbietung lief auf Hochtouren, kannte aber wenig Zartes und Feines. Vielleicht der Reihe nach:

Als Entree erklangen zwei Sonaten von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), der ein direkter Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs (1685 bis 1750) war. Den Unterschied zwischen deutschem und italienischem Barock umging das Spiel von Oksana Goretska, indem sie die Noten sehr kraftvoll und dramatisch nahm. Eher klassisch also. Was würde sie aus der folgenden Beethoven-Sonate machen?
Die Ukrainerin nahm sich die in F-Dur op. 10,2 vor. Im Allegro trollte der russische – pardon, der ukrainische – Bär, ein bisschen weniger Wucht wäre gut gewesen. Das zierliche Allegretto des zweiten Satzes kam eher als Andante, dazu sehr schwermütig und pathetisch. Auch wenn es in Moll steht (eine Verbeugung vor der romantischen Innigkeit und Melancholie Schuberts, zu der Beethoven zu dieser Zeit nicht den geringsten Grund hatte!), es bleibt die kleine Schwester des Allegro, der Munterkeit. Für das abschließende Presto gab es nach dem ersten Satz kaum Reserven, und so donnerte es besinnungslos. Das mag für die technische Versiertheit der Spielerin sprechen – für Beethoven nicht.

Medingen Junge Pianisten Oksana Goretska Moderation_bearb

Fotos: Barbara Kaiser

Vor der Pause kam Oksana Goretska bei der frühen Romantik an. Bei Chopin (1810 bis 1849), dem Komponisten der virtuosen Klavierliteratur. Sein Scherzo Nr. 1 entstand in schwieriger Lebenssituation: der Novemberaufstand von 1830 in Warschau machte eine Rückkehr von der Konzertreise nach Wien unmöglich. Mit den Bezeichnungen Presto con fuoco, Lento und einer Coda, die sich in wilden chromatischen Läufen suhlt, kam das der Spielerin wohl entgegen. Das Lento, die Trauer um die verloren geglaubte Heimat, ließ den Zuhörer wahrscheinlich das erste Mal an diesem Abend aufhorchen. Hier erklang ein gefühlvolles Piano in fein abgestimmter Ausgewogenheit, spürte man eine Seele, Verständnis für den Komponisten.

Medingen Junge Pianisten Oksana Goretska Porträt_bearb

Dann Sergej Prokofjew (1891 bis 1953) und Sergej Rachmaninow (1873 bis 1943). Szenen aus „Romeo und Julia“, die das Mädchen Julia und Romeos Freund Mercutio charakterisierten. Vorstellungsvermögen war auch gefragt bei Rachmaninows Etüden 2, 4, 7 und 8 aus „Ètude-Tableaus“ op. 33. Die bedienten ebenfalls die kraftvolle, effektvolle Komponente, die bei Oksana Goretska während der ganzen 90 Konzertminuten im Vordergrund stand.
In der Orchestrierung der Noten haben die einzelnen Stücke Titel, im Klaviersolo (noch) nicht. Aus dem Spiel der Pianistin war vielleicht das Meer zu erlauschen, der Trauermarsch, die Nr. 8 cis-moll, Grave, jedoch kaum.
Den Abschluss bildete ein Ausschnitt aus der Sonate Nr. 1 von Alberto Ginastera (1916 bis 1983). Der Argentinier verband traditionelle Rhythmen mit der Harmonik modernen Klassik bei freier Tonalität, jedoch nachvollziehbarem Aufbau. Für Goretska war das ziemlich wilder Lärm, der nur ein weiteres Mal ihre ohne Frage technische Brillanz unterstrich.

Medingen Junge Pianisten Oksana Goretska Applaus_bearb

Wie eingangs gesagt: Diese junge Künstlerin ist erst Frühstudentin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Auch ihre Anmoderationen bewiesen es: Sie steht erst am Anfang des Ausschöpfens dieses riesigen Kosmos Musik!
Natürlich gab es am Ende den verdienten Beifall. Die Jugend dieser sympathischen Solistin  war auf jeden Fall Bonus. Die bedankte sich mit Chopins berühmtesten Walzer, dem in c-moll op. 64,2.
Barbara Kaiser – 19. März 2017

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