Auf musikalischer Entdeckungstour

Internationale Sommerakademie würdigt den ungarischen Komponisten György Ligeti

„Sie sind für ein ganz tolles Konzert heute hier“, versicherte Hinrich Alpers in seiner Begrüßung den Gästen in einem voll besetzten Oldenstädter Langhaus. Von wegen: Zeitgenössische Musik findet kein Publikum! Vielleicht aber waren einige nur gekommen, um am Schluss des Abends ihr ausgeliehenes Metronom wieder mitzunehmen? Schließlich sollte eine Sinfonie für einhundert dieser tickenden Taktgeber aufgeführt werden. Deshalb war auch die örtliche Eisenbahngesellschaft gleichen Namens als Schirmherrin mit von der Partie und spendierte fünfzig nagelneue dieser musikalischen Hilfsmittel in den Betriebsfarben schwarzgelb.

SoAk Ligeti Arno Lücker-Alpers_bearb

Fotos: Barbara Kaiser

Eine „Hommage à Ligeti“ stand auf dem Programm. Des zehnten Todestages des Ungarn war zu gedenken am 11. dieses Monats. Man darf diesen Abend vor allem, auch wenn er lange drei Stunden dauerte, getrost eine Entdeckung nennen, denn erneut traf die Aufforderung dieser Sommerakademie, die Ohren aufzusperren, auf ein interessiertes Publikum.

Nein, es kann hier nicht über Harmonien, musikalische Tändeleien und elegant-beschwingte Noten berichtet werden. Wer auf eine wiedererkennbare Melodie lauerte, war fehl am Platze. Es ging eher um sorgfältig ausgehörte Flächigkeit, Minimalismus und Farbgebung. Auch wenn Hinrich Alpers ein Stück am Flügel intonierte, das eigentlich nur aus zwei Tönen besteht, nie jedoch auf der Stelle tritt! Und er in seiner Interpretation wie überrascht den Tönen nachlauschte, als hörte er sie das erste Mal.

Der Reihe nach: Alpers hatte sich zur Unterstützung Arno Lücker, Moderator, Pianist, Musikvermittler und Komponist, an die Seite geholt. Das Duo warf sich in einer lockeren Konversation die Bälle zu oder setzte sich gemeinsam an den Flügel, immer aber wurde  dabei eine Menge über den Protagonisten des Abends, György Ligeti, 1923 bis 2006, erzählt. Alpers und Lücker bewiesen zwingend, dass dessen Vorbilder (unter anderen) sein großer Landsmann Béla Bartók und Claude Debussy waren; die Klangbeispiele jeweils an der Hand. Besser: In vier Händen.

SoAk Ligeti Orgel Jan Zierenberg_bearb

Eigentlich war dieses Konzert das traditionelle „Konzert der Dozenten“. Dass es in diesem Jahr nicht als stures Nummernprogramm ablief, war zu erwarten, nachdem Alpers schon die  Eröffnung anders gestaltet hatte, einen Kinofilm ins Programm nahm – nie aber den roten Faden sich verlieren ließ.

So passte Professor Bernd Goetzke mit seinen Bartók-Klängen der Nacht (aus: „Im Freien“, 1926) perfekt in den Rahmen. Er schuf mit seinem sehr konzentrierten Spiel Atmosphäre. Bei ihm hörte man das Tropfen, das Huschen, die kleine Melodie – es ist nicht die Nachtigall -, die sich in diese fast unheimliche Situation schleicht und insistiert. Quieken im Diskant – bis alle Töne müde werden… Goetzke, der auch ein hingebungsvoller Melodiker ist, imaginiert hier nur Klänge, das aber auf wundervolle Weise.

Eine Überraschung: Die Sonate für Violoncello solo von Ligeti. Troels Svane war hier der Solist, er ist Kammermusikpartner der diesjährigen Sommerakademie. Die zwei Sätze entstanden auf Wunsch von Solistinnen, die danach wegen vermeintlicher Unspielbarkeit kapitulierten, weil zu schwer. Svane hatte damit keine Probleme. Er stellte den „Dialog“ (Adagio, Rubato, Cantabile) schön differenziert vors Ohr der Zuhörer, witziges Pizzicato, schwermütige Doppelgriffe, einsames Legato und brachte ein den Atem nehmendes Capriccio Presto con slancio – schnell und auch noch mit (italienischem) Schwung! – zu Wege. Sphärisch und polternd gleichermaßen. Man hatte um das Instrument zu fürchten, aber es war zauberhaft!

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Für „Etüden“ auf der Orgel rekrutierte Hinrich Alpers den Oldenstädter Organisten Jan Zierenberg, bediente selber die Register und heraus kam in der Kirche nebenan Klangfarbenmusik, mit der es einem wie mit Lakritz geht: Man mag sie oder eben nicht.

Henning Fauth, Korrepetitor der Sommerakademie und zuständig für das Zusammenspiel der Teilnehmer mit dem Orchester, spielte schwermütige Debussy-Noten aus „Préludes Premier Livre“ (Klänge und Düfte erfüllen die Abendluft) und eine Ligeti-Etüde, inspiriert eben davon, die der jedoch „Leere Seiten“ nannte. Der Solist setzt sich nicht unter Druck; er träumte in Verzögerungen und Verzierungen, ließ die Töne blühen, adelte den Vortrag mit Persönlichkeit und Handwerk.

Und dann war da noch die wunderbare Barbara Buntrock mit der Bratsche. Sie spielte aus einer Sonate, die Ligeti in den Jahren 1991/94 komponierte, „Hora lunga“, ein „langsames Lied“, das die tiefsten und höchsten Töne des Instruments integriert und mit dem die Solistin ihr großes Können unter Beweis stellte. Denn die Ankündigung der beiden Moderatoren, man müsse sich an diesem Abend von der Tonalität grundsätzlich lösen in seinen Erwartungen und Barbara Buntrock spiele auf jeden Fall die „richtigen falschen Töne“, erwies sich fast als fehl am Platze. Buntrock spielte so, dass es verzaubernde Harmonie war, spannend – zwischen Aufladung und Askese.

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Danach: „Poème Symphonique“ für 100 Metronome. Was für ein Tick-Tack und Ticke-Tack! Faszinierend, wie sich aus dem bloßen Summgeräusch der hundert Taktgeber im Verlauf der Aufführung, als die ersten ausstiegen, weil natürlich unterschiedlich aufgezogen und präpariert, einzelne im Raum lokalisieren ließen. Das letzte „Tack“, das lange ein Moderato angezeigt hatte, machte fast traurig, erlöste aber auch. Das Publikum jubelte!

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György Ligeti – was für eine Entdeckung! Es war ein Abend voller Spannung und Konzentration, obwohl mit wenig Klangfülle. Deshalb war der eine oder andere vielleicht erleichtert, als am Schluss Barbara Buntrock und Hinrich Alpers Franz Liszts „Romance oubliée“ (Vergessene Romanze) darboten. Ja, man hatte sich in drei Stunden bestechen lassen durch die Wirkung der Töne meist jenseits der Tonalität, die manchmal nur unter der Bezeichnung Geräusche durchgehen konnten – der Liszt verbreitete wieder den alten musikalischen Zauber, den doch keiner missen möchte. Oder?

Barbara Kaiser - 29. Juni 2016

 

 

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