Auf Französisch

Erik Matz spielte im 3. Sommerkonzert Orgelsinfonisches aus Paris

Es war der zweite Orgelspaziergang, den Erik Matz unternahm. Der erste hatte ihn mit Johann Sebastian Bach nach Lübeck zu Dietrich Buxtehude geführt. Jetzt machte er sich auf nach Paris: Französische Orgelmusik stand auf dem Programm, bei der denkt man an Widor und Boëllmann denkt, an Toccaten, die einem den Atem nehmen, an romantisches Schwelgen.

Nun gut, Léon Boëllmann und seine Suite Gothique hatte der Kantor leider nicht dabei, aber eine schöne Mischung, eine stringente Reihenfolge an Noten. War früher die Orgelmusik nur für den katholischen Gottesdienst gemacht, so änderte sich mit der Französischen Revolution alles. Der König ging auf die Guillotine, das Bürgertum befand sich im Aufbruch, bis ein kleiner Korse sich selbst wieder zum Kaiser usurpierte. Dafür brauchte´s eine neue Musik, die nicht nur Gottesdienstbeiwerk ist, sondern sinfonisch in den großen Kathedralen erklingen konnte, der Macht der politischen Veränderungen und Aufstiege angemessen.

Und natürlich gab es die französischen Orgelbauer, wie Aristide Cavaillé-Coll, die dieses neue Klingen und Streben handwerklich umsetzten. Seltsamerweise listet die Aufzählung des immateriellen Weltkulturerbes nur den deutschen Orgelbau und die Orgelmusik, die Franzosen nicht.

Aufwärmübung für die Üppigkeit der französischen Romantik waren von Francois Couperin zu Beginn einige Sätze seiner „Messe à l`Usage des Couvents“. Die Noten des frühen Barock erklangen klarsichtig in ihrem subtilen Miteinander, aber dieser Vorläufer der französischen Sinfonik ist eben noch eine ganze Generation von Bach entfernt.

Erik Matz war gut aufgestellt. Er formulierte klar und kräftig und mit großer Schlüssigkeit. Beeindruckend die fast zerstörerische Intensität der Cesar-Franck-Noten, „Choral en la minor“, der eigentlich eine Fantasie ist und den hochromantischen Unterschied zum Barock macht. Matz verpasste dem Ganzen dramatischen Furor.

Seine spielenden Hände waren wieder auf die Leinwand im Kirchenschiff übertragen worden, aber eigentlich ist das nur Ablenkung. Musik bleibt etwas zum Augenschließen und Genießen, nicht zum Kontrollieren.

Danach Louis Vièrne, Schüler von Cesar Franck und später Charles Marie Widor. Er emanzipierte sich zudem von der Romantik und war Impressionist, obgleich sich die Leichtigkeit eines Debussy nicht einstellte bei den ausgewählten Stücken „Piéces de Fantaisie“ op. 54. Der Ètoile du soir, der Abendstern, hatte nicht viel mit der Venus zu tun, die der Abendstern ja ist. Das Impromptu dagegen war, wie es aus der französischen Übersetzung heißt: Aus dem Stegreif, überraschend. Muntere, elegante Chromatiken, die gebrochen werden durch das Pedal und düstere Akkorde.

Ehe Erik Matz zum Ende und Charles Marie Widors Orgelsinfonie Nr. 5 in F op. 42 kam, hatten die fast 60 Zuhörer viel erfahren über das Instrument, seine Registrierung, den Klang, Zungenstimmen und Schweller, die allesamt zu einer unglaublichen musikalischen und akustischen Vielfalt führen. Die Orgel ist eben nicht umsonst die Königin der Instrumente!

Dann war es so weit: Nach dem Adagio, dem vierstimmigen Gesangsstück, das durch seine geschickte Registrierung sphärischen Himmelsklang verströmt, die Toccata! Das Tollste, was die Musik an Formen aufzuweisen hat. Dabei ist die von Widor eine ganz einfache Melodie. Allerdings mit Ohrwurmqualität. Wahrscheinlich das Bekannteste und Virtuoseste, wenn man „französische Orgel“ denkt. - Mit beglückend stürmischem Maximum in sattem Sound und wunderbarem Krawall endete das dritte, sehr informative Sommerkonzert in St. Marien Dank Erik Matz im Hochgefühl.

Am kommenden Samstag, 01. August 2020, 16.45 Uhr, spielt Swantje Vesper (Horn) in der Begleitung von Erik Matz an der Orgel. Es erklingen Noten von Naji Hakim, dem französischen Komponisten, Organisten und Pianisten libanesischer Herkunft (*1955) und Gabriel Fauré.

Barbara Kaiser – 27. Juli 2020

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