Auf der Zielgeraden

Teilnehmer der Sommerakademie spielten erstes Abschlusskonzert im Kloster Medingen

„Ich freue mich sehr, dass auch die neunte Internationale Sommerakademie ein Erfolg war“, zeigte sich deren künstlerische Leiter Hinrich Alpers überzeugt und begrüßte seine Gäste in der Klosterkirche Medingen zum ersten Abschlusskonzert sehr aufgeräumt. Man solle doch die „Früchte der vergangenen Tage genießen“, forderte er das zahlreich erschienene Publikum auf. Was heißt: Den Ergebnissen harter Arbeit lauschen, die im Konzert nach den Mühen davor nicht klingen sollten. Alpers und seine Dozentenkollegen können sich ab jetzt zurücklehnen, denn nun zeigen die Teilnehmer ihr Können. Die Lehrer dürften das mit einem Quäntchen Stolz und Genugtuung registrieren.

Die künstlerische Qualität des Gebotenen war insgesamt überzeugend. Alles andere hätte langjährige Beobachter dieser Meisterklassen auch ein wenig enttäuscht. Es gab eine Menge Anlass für Freude und Erstaunen und Hochachtung vor dem Fleiß, der Ausdauer und der Kraft der Interpretationen.

Anna Haas (18/Deutschland. Fotos: Barbara Kaiser

Den Auftakt spielten Sumin Kim (25/Südkorea) und das Kammerorchester „Wratislavia“ aus Wrocław. Die zwei schnellen Sätze – Allegro und Presto – aus Georg Philipp Telemanns Violakonzert G-Dur lagen auf dem Notenpult. Alles schön phrasiert, nichts verschludert, frisch und fröhlich, das Orchester – wie gewohnt – ein wenig robust.  Der Bratschist Nils Mönkemeyer hatte über dieses Konzert im Interview einmal gesagt: „Es hat so eine Fröhlichkeit und es ist sehr ansteckend.“ Mit Sumin Kim bewahrheitete sich das.

Danach Mozart, das Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219. Der Komponist stellte es kurz vor seinem 20. Geburtstag fertig. Anna Haas und Raul Lustgarten (18/Deutschland – 24/Belgien) fanden für das Allegro aperto und Adagio den richtigen Strich. Lustgarten gelang es mit dem Adagio gar, das forsche Orchester zu zügeln, seine Lautstärkendifferenzierungen verdienten Respekt.

Danach saßen Minh Chau Tran (13/Vietnam) und Narmin Najafli (21/Aserbaidschan) am Flügel. Den Geist von Beethovens Klaviersonate Nr. 7 D-Dur op. 10,3 und deren ersten Satz Presto schien Minh Chau Tran noch nicht so verinnerlicht zu haben wie sie den Liszts (Abendvorspiel) hatte. Aber in diesem Alter hat sie dafür noch Zeit. Narmin Najafli stellte Györgi Ligetis „Arc-en Ciel“ (Regenbogen) vor Auge und Ohr der Zuhörer, ganz sanft löste der sich in diesem Spiel am Ende wieder auf.

Narmin Najafli (21/Aserbaidschan).

Malin Hacke (18/Deutschland) spielte Max Bruchs „Kol Nidrei“ (Gebet) für Violoncello und Klavier anrührend, versunken und innig. Am Flügel als Begleiter ein sehr verlässlicher Henning Vauth. Danach Lennart Pommerien (19/Deutschland) mit Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70, einem As-Dur, das zwischen melancholisch-langsam und schnellem, schwerem Bravourstück wechselt. Pommerien hatte damit keine Schwierigkeiten.

Lennart Pommerien (19/Deutschland).

Es erwies sich an diesem Konzertabend ein weiteres Mal, dass auch in Zeiten von Reproduktion und Digitalisierung von Musik das Liveerlebnis konkurrenzlos bleibt. Das fängt mit dem Auftrittsapplaus an. Konzertmeister Jan Stanienda führte die jungen Solisten nach vorn, ließ sein Orchester sich erheben. So ernst genommen ist es für die Streicher schöne, respektvolle Geste. Sie belohnten ihr Publikum mit einer Klangatmosphäre voller Wachheit und Esprit. Nur die Pianisten müssen einsam zu ihrem Instrument schreiten!

Nach der Pause drei Klavierwerke: Das Choralvorspiel „Nun komm, der Heiden Heiland“ von Johann Sebastian Bach. Am Flügel Jun-Ho Yeo (20/Deutschland). Von Frédéric Chopin erklangen die Ballade Nr. 2 F-Dur op. 38 und die Etüde op. 25,11. Chong Wang (18/China) erzählte in der Ballade, deren literarische Vorlage von Adam Michiewicz, dem Goethe Polens, stammt, die Geschichte der Mädchen, die sich angesichts drohenden Kriegssturms in Wasserlilien verwandeln und ausharren. Im Spiel der Chinesin schwankten sie leise im Wind, während die Horden über sie hinwegtobten… Die 15-Jährige Thien Bach Anh Phan aus Vietnam kam mit der Allegro-con-brio-Etüde, die den Beinamen „Winterwind“ erhielt, ebenfalls gut zurecht.

Chong Wang (18/China).

Den gefühlt längsten Beifall erhielt Katja Deutsch (17/Deutschland) nach dem 1. Satz des Violoncellokonzerts Nr. 1 C-Dur von Joseph Haydn. Das Werk galt als verschollen, bis es 1961 in der Prager Burg auftauchte und ist eins von neun Cellokonzerten des Komponisten.
Katja Deutsch besitzt einen zauberhaften Sound, robust und doch zärtlich, rau und trotzdem biegsam. So setzte sie zwei Stunden Konzert eine Krone auf.

Katja Deutsch (17/Deutschland) und Konzertmeister Jan Stanienda.

Insgesamt war dieser erste Abschluss ein wenig Elegie-lastig. Eine stupide Seelenlage war das aber dennoch nicht. Vielleicht sind sie alle traurig, dass die zehn Tage schon wieder fast vorbei sind. Aber ein Konzert steht ja noch ins Haus. Und dann: Vielleicht bis 2019 zur zehnten Sommerakademie?
Barbara Kaiser – 14. Juli 2018

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