Auf der Suche nach Wahrheit

Ensemble Theatrum Hohenerxleben mit anderem Blick auf Geschichte(n)

Es war sicherlich die richtige Veranstaltung zum Auftakt der tags darauf beginnenden Karwoche: Das Ensemble Theatrum aus Hohenerxleben erzählte in seinem Stück, mit dem die Schauspieler in St. Marien zu Gast waren, über „Claudia Procula – die Frau des Pilatus“. Die Idee dazu hatte Friederike von Krosigk, die im Verein mit der gesamten Crew auch Regie führte. Die Musik komponierte Florian Claus.

Man sollte ja viel öfter auf die Frauen hören – ohne einem fanatischen Feminismus hier das Wort reden zu wollen. Claudia Procula war eine Seherin, obgleich sie das „unwillkommne Wissen“ nicht schätzte, womit jedoch ihr Los feststand: Man glaubte ihr nicht oder schlug ihre Warnung in den Wind. Siehe auch Kassandra!
Ihrem Ehemann Pontius Pilatus ging es nicht anders, denn er übergab den Brief der Gattin der Ablage P. Darin hatte sie, wie in Matthäus 27,19 nachzulesen ist, gewarnt: „Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“

Nicht auszudenken, Pontius Pilatus hätte als römischer Stadthalter von Judäa und Samaria Jesus nicht zum Tode verurteilt. Wäre nicht dem aufgebrachten, von den Priestern beeinflusstem Pöbel gefolgt, der fünf Tage, nachdem die Menge Jesus in Jerusalem jubelnd begrüßt hatte (Palmsonntag), nun unbarmherzig „Kreuzige!“ schrie (Karfreitag).
Aber das ist nicht die Frage, der das Theatrum Hohenerxleben nachgeht. Hier wurden aus Evangelientexten, historischen Quellen und Rainer-Maria-Rilke-Versen (aus: Christus-Vision) 14 Szenen geschneidert, die Wahrheit suchen.

Fotos: Barbara Kaiser

„Quid est veritas“ singen die Schauspieler in Endlosschleife. Was ist Wahrheit? Im Johannes-Evangelium lautet so die Erwiderung des Pontius Pilatus auf die Bemerkung Jesu, in die Welt gekommen zu sein, um „Zeugnis für die Wahrheit“ abzulegen. Die Frage geht der Verurteilung unmittelbar voraus und bleibt unbeantwortet.
Natürlich finden auch die Gäste aus Sachsen-Anhalt keine Antwort auf die Frage, zumal jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat (was das Leben einfacher macht!). Das Ensemble wollte mit seinem Stück wohl Denkanstoß sein. In die Zeit kurz vor dem Osterfest passt so eine Aufführung immer.

Die vier Figuren wurden klar gezeichnet: Pontius Pilatus (Thomas Zieler) ist zu Beginn der typisch trockene Jurist, ein verbeamteter Gesandter, dem die römische Stadthalterei in Jerusalem eher Strafmandat ist. Auch wenn er die Todesstrafe für diesen „König der Juden“ für überzogen hält, gibt er letztlich nach. Das Urteil wird ihm jedoch nachgehen: „Was ist Wahrheit?“ Die Warnung Jesu versteht er allerdings nicht: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder…“ Genau diesen Satz aber könnte man allen Mandatsträgern bis heute ins Stammbuch schreiben, denen die Gier nach Geld und Macht den Blick verstellt für vernünftiges Handeln für Menschen und Umwelt. Aber so weit war Pilatus noch nicht….

Seine Frau Claudia ist bei Friederike von Krosigk gut aufgehoben. Religiöse Schwärmerin für Isis zu Beginn, fühlt sie sich durch die Begegnung mit diesem Jeschua verwandelt. Krosigks Spiel ist schon immer ein bisschen viel Pathos immanent, ein Quäntchen Didaktik lugte da ständig durch alle Zeilen, Larmoyanz inbegriffen. Als Claudia hat sie ihren stärksten Auftritt, als sie mit ihrer Traumerzählung durch die kommende Geschichte der Menschheit eilt: Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Todesacker der Schlachtfelder aller Kriege. Immer im Namen Gottes!

Hubertus von Krosigk ist Jeschua-Jesu. Ein sanfter Geselle auf der Walz in Zimmerer-Weste. Immer auf der Suche – wie wir alle auch. Wonach? „Wir schauen nur aus unserem Blickwinkel und der ist verstellt durch unsere Interessen.“ Zeit also, die Blickrichtung auch einmal zu wechseln. Die Vierte im Bunde ist Hannah Vongries als Schwägerin und Isis-Priesterin, sie bekam mit diesen Rollen wenig Gelegenheit für Entwicklung.

Es war Zufall, dass das 18-Uhr-Läuten gerade in die Szene der Verurteilung und Geißelung Jeschuas fiel. Passender Zufall. – Am Ende dauerte es sehr lange, ehe sich das kleine Publikum zum Schlussapplaus fand. Als Dank für den einen oder anderen Denkanstoß für diese Karwoche.
Barbara Kaiser – 15. April 2019

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