Ambrosia malt alles schön

Kammeroper Köln reiste mit Orpheus auf den Olymp und in die Unterwelt

Was wird aus einer Frau, die ihren Gatten verabscheut und sich in die Arme des Erstbesten wirft, um die sich am Ende aber Jupiter und Pluto streiten? Sie wird Bacchus zu Fraß vorgeworfen als Bacchantin! Der Gott des Weines trinkt sich jede schön.

Was aber, wenn ein Regisseur auf die Idee kommt, den alten Griechenmythos von Orpheus und Eurydike in die Gegenwart zu zerren, in der Olymp- und Underworld-Pharma um die besten Pillen und die genannten Chefs um eben diese Frau konkurrieren? Da fragt sich der Zuschauer: Bacchantin – was?

Orpheus und Eurydike

Dass das Erfolgswerk von Jacques Offenbach aus dem Jahre 1858 trotzdem funktionierte, und wir hinzunehmen bereit waren, dass es nach dem Willen von Roland Hüve (Inszenierung) und Inga Hilsberg (musikalische Leitung) um die Entwicklung und Produktion des Stimmungsaufhellers „Ambrosia 70“, der alle Sorgen vergessen machenden Pille „Lethe 2000“ und all die Eifersüchteleien zwischen Göttern und Menschen geht, verdankt sich allein der Musik. Die Akteure sind oberflächlich, auf ihr Vergnügen aus, dem Spassss und der Zerstreuung auf der Spur – ist das antike Sage oder Gegenwart? So gesehen kann man mit der Operette des Komponisten so ziemlich alles machen.

Die Kammeroper Köln war am Silvestertag im Theater an der Ilmenau zu Gast und trieb es nicht so toll mit der Aktualisierung, dass man sich hätte Kopf schüttelnd abwenden müssen. Und deshalb kann es nicht die dümmste Idee geheißen werden, sich in der Nacht, in der das Wachen vermeintlich Pflicht ist, weil ein neues Jahr über die Schwelle der Zeit tritt, entführen zu lassen. In Gesellschaft von Diana und Venus, Juno und Cupido, Merkur und Mars und wie sie alle heißen dort oben auf dem Olymp, verspricht es Aufregung, Esprit, Überraschung. In der Unterwelt des schönen Pluto gibt es zudem statt feuriger Getränke die neuesten Laborerzeugnisse  – was brauchte es mehr!

Das Ensemble aus Köln, das vor zwei Jahren mit „Cabaret“ eine sehenswerte Vorstellung ablieferte, überraschte mit so manch schöner Stimme und einer Interpretation der Offenbachschen Operette, die Freude machte. Da spielt Burkhard Solle als Orpheus die Violine selbst – wo gab es das schon, sonst muss sich der Darsteller immer auf den Konzertmeister im Orchester verlassen – und man darf Eurydike getrost „kulturlose, karrieregeile Kuh“ nennen, weil sie den Praktikanten Aristeus vorzieht. Sarah Cossaboon und David Ristau sind da ein kongeniales Paar. Der Jupiter ist bei Ralf Friedrich gut aufgehoben und Alishia Funken ist ein zauberhafter Cupido, der verzweifelt angesichts der Flatterhaftigkeit in den Beziehungen bei Menschen und Göttern.

Aristeus und Eurydike

Musik und Szene führte am Pult Philipp Solle zusammen. Über das Blech sei jetzt mal nichts angemerkt, ansonsten musizierte sich das Orchester „Kölner Symphoniker“ durch die unverwüstlichen Hits, denen es mittels Klang und Aktion einen Hauch Hochkultur verpasste.

Die Gäste agierten mit Ensemblegeist und die Spielfreude war ihnen anzusehen. Wer könnte beim Cancan aber auch eine Trauermiene aufsetzen?

Jupiter und Eurydike

Ein bisschen mehr Kostüm hätte sein können (Darko Petrovic); ein pfiffiges antikes Accessoire vielleicht. Nicht ganz so business-like. Die Aufführung bot vor allem beeindruckende Chöre. Die Textverständlichkeit war unterschiedlich. Es erwies sich schon als hilfreich, selbst ein wenig versiert darin zu sein. Die originelle Praktikanten-Klage auf „Seh ich Eos` goldne Rosen“ von Aristeus/Pluto kam aber im Publikum an.

Es ist nicht so einfach, mit großen Stimmen die vermeintlich leichten Lieder trällern zu lassen und dabei auch noch dem doppelten Operettenboden auf die Spur kommen. Es ist eben „das Einfache, das schwer zu machen ist“. Schön war`s trotzdem, weil die Gäste sich engagiert, witzig, spritzig und voller Leidenschaft dieses Offenbachs annahmen. Und seine Operetten haben sowieso das, was das Genre auszeichnet: Satire, Zeitkritik, Scheinmoral. Alles, was uns noch viel zu sagen hat. Prosit Neujahr!

Barbara Kaiser – 2. Januar 2020

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