Am Telefon: Marlene

Das neue Stück von Thomas Matschoß verbeugt sich vor der Dietrich und erzählt übers Leben

Wer eine Revival-Show erwartete, kam mit den falschen Vorstellungen ins Theaterhaus Bostelwiebeck. Zwar singt Sina Schulz ein knappes Dutzend der Lieder, die Marie Magdalene Dietrich zum Weltstar, zum lasziven Weibe, zu „der Dietrich“ machten, präsentiert mit „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ die Pose, mit der die Schauspielerin im „Blauen Engel“ zur Legende wurde (bloß dass die im Film auf einem Fass sitzt) – trotzdem bleibt Sina Schulz sie selbst. Und außerdem geht es im neuen Theaterstück von Thomas Matschoß nicht, jedenfalls nicht vordergründig, um den Lebenslauf der Diva. Der die Männer scharenweise zu Füßen lagen und die doch vor ihrem Tod (1992) eine sehr lange Zeit ganz allein war, obgleich sie mit der halben Welt telefonierte.

Fotos: Barbara Kaiser

Dass es ein Thomas-Matschoß-Stück ist, erkennt der Zuschauer am Text seiner Hauptdarstellerin sofort. Hier heißt es: „Ich wollte das immer: Spielen. Geschichten erzählen.“ Dieses Geschichtenerzählen ist das Credo von Matschoß, so bereitet er jede Aufführung im „Jahrmarkttheater“ auf.
„Marlene und ich“ nennt er, der auch Regie führte, die 120 Minuten, die Züge von Revue und Kammerspiel gleichermaßen aufweisen: Da kommt die junge, beschäftigungslose Schauspielerin Emma nach einem Pizzawerbungs-Dreh und dem Kellnerjob frustriert und müde nach Hause und stolpert über einen Koffer vor ihrer Tür. Sie denkt glücklicherweise nicht an das Schlimmste angesichts des einsamen Gepäckstücks und nimmt es mit in die Wohnung, packt es aus. Als das alte Telefon, das auch zum Vorschein kommt, plötzlich klingelt, bricht genauso wenig Panik aus; trotz fehlenden Festnetzanschlusses – Emma geht ran.

Was sich aus diesem und den folgenden Anrufen entwickelt, könnte man Wunder oder Berufsberatung nennen. Es ist ein Spiel. Die einen heißen es Theater, die anderen: Leben.
Am anderen Strippenende ist Marlene Dietrich, die das Gespräch damit erklärt, dass eine Kontaktaufnahme zwischen (toten und lebenden) Personen, bei denen Ähnlichkeiten bestehen und wo es demzufolge „Resonanzen“ gibt, durchaus möglich ist. Und so mischt sich Marlene munter in Emmas Leben, führt sie nebenbei in die Geheimnisse ihres Erfolges – im Beruf und bei Männern – ein.

Und wenn die große Schauspielerin erklärt, dass die Wörter „Hartnäckigkeit“ und „Disziplin“ für sie erfunden wurden, so kann sich das sicherlich jede Künstlerin heutzutage auch noch ins Poesiealbum schreiben. Die Dietrich – eine eisern Arbeitende, die jederzeit die Kontrolle hatte über ihre Bilder, die Erwartungen des Publikums, die Wünsche… Bloß mit den Gefühlen hatte es nicht so geklappt.

Sina Schulz ist Emma und Marlene. Sie ist ein Strahlemann. Also: Strahlefrau. Wer sich von diesem Blick, der so ganz anders ist als der der Dietrich, und diesem Lächeln nicht gebannt fühlt, ist selber schuld. Sie erzählt, sie singt, beherrscht die Stimmungswechsel. Eigentlich widerspricht ihr Lachen der realen Lage, aber diese Emma ist stark genug, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und Marlene am Telefon kann sie darin nur bestärken!

Schulz kopiert nicht, im Gegenteil. Sie setzt in den Liedern auf eine Interpretation, die ganz anders ist. Schon die Stimmlage und das Timbre passten sowieso nicht für ein Remake. Die Dietrich hatte eine verrauchte Altstimme, Sina Schulz besitzt einen durchaus strahlkräftigen Sopran. Wenn sie deshalb die Tiefen nicht immer trifft, nimmt ihr das im Publikum aber keiner übel, eben weil sie nicht nachahmen will.

Manchmal fehlt vielleicht ein Quäntchen Nachdenklichkeit, zum Beispiel in „Wenn ich mir was wünschen dürfte“. Überraschend intelligent löst der Autor die Sache mit dem Chanson „Sag mir, wo die Blumen sind“, diese Balance zwischen falscher Sentimentalität, Betroffenheitsrhetorik und Anklage. Schulz erzählt den Inhalt mit eigener Prosa und nennt die Vorgänge den „ewigen Kreislauf der Dummheit“. Wie hart, wie ehrlich, wie wahr.
„Marlene und ich“ spielt unterm Sternenbild des Gewesenen, das uns noch immer trifft und vielleicht für Läuterung und Erkenntnis zu erleuchten vermag.

Am Ende muss unbedingt noch ein Loblied auf Sina Schulz` Partner gesungen werden: Arne Gloe. Er ist Stichwortgeber und wunderbarer Spieler auf Akkordeon und Klavier. Dass Sina Schulz die große Robe der Diva – den weißen Frack - tragen darf und noch zwei andere Kleider hat, verdankt sich wie immer Anja Imig, die die Ausstattung besorgte.

Es ist ein kongenialer Abend. Einer für eine Erinnerung, die jedoch Gegenwart bleibt. Mit einer aufgeweckten Sina Schulz, dem hinreißenden Arne Goel, von Wiedererkennungswert und Erkenntnisgewinn! Ein Rundgesang auf unsere Illusionen, mal flapsig-frisch, mal filigran-anrührend.
Barbara Kaiser – 23. November 2018

Weitere Vorstellungen: Freitag/Samstag, 30. 11./01. 12.; Freitag/Samstag/Sonntag, 07./08./09. 12. Und 14./15./16. 12.; Freitag/Samstag, 21./22. 12. 2018 jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: 05807/979971.

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