Altes und Neues

Kammerorchester Uelzen absolvierte seinen jährlichen Auftritt mit Noten aus 250 Jahren Musikgeschichte

Das Kammerorchester Uelzen existiert seit 46 Jahren und sicherlich denkt man bereits über das Jubiläumskonzert für das halbe Jahrhundert nach. Alljährlich jedoch stehen die Laienmusiker unter der Leitung von Heiko Schlegel, der seit 2001 den Dirigentenstab in der Hand hält, auf den Bühnen zwischen Lüneburg, Bad Bevensen und Uelzen. Das Konzert 2016 stand unter dem wenig innovativen Titel „Altes und Neues“ – was es jedoch mitbrachte, war wieder Hörerfahrungsbereicherung, denn dafür steht das Kammerorchester inzwischen. Außerdem geben die Auftritte jungen Musikern die Chance zum Solo. In diesem Jahr waren das Anna Mengel (Sopran), Niklas Wienecke (Saxofon) und Lukas Rudolph (Kontrabass).

Um die Gunst der Zuhörer, die am Samstag nach Bad Bevensen und am Sonntag nach Uelzen getrost ein wenig zahlreicher hätten strömen können, zu erobern, begann der Abend mit Mozart. Dessen Sinfonie Nr. 29 A-Dur (KV 201) besitzt  Frische und verströmt Lebenslust. Wie der Komponist es wahrscheinlich tat, denn er war, als er die vier Sätze aufschrieb, gerade einmal 18 Jahre alt.

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Fotos: Barbara Kaiser

Das Kammerorchester begann folgerichtig adäquat munter, sehr schön synchron und ausbalanciert, an keiner Stelle zu süß. Im Andante schwächelte der Einsatz der Geigen ein wenig, dennoch kam nichts schleppend daher. Erfreulicher Zwischenruf im Blech, schöne Holzbläser. Zum Menuetto in Satz drei wurde heiter und energisch aufgespielt, das Hauptmotiv hätte in den Wiederholungen ein wenig einfallsreicher erklingen können. Für das abschließenden Allegro con spirito raffte Heiko Schlegel die ganze musikalische Farbigkeit schön zusammen – insgesamt war dieser Mozart durchlüftet leicht, an keiner Stelle zu langsam oder gar zäh. Bravo!

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Lukas Rudolph

Weil das Leben aber eine Sinuskurve ist, stürzte die gelöste Stimmung des Auftaktes durch die Noten des Finnen Einojuhani Rautavaara (*1928) auf vier Gedichte von Rainer Maria Rilke auf  tiefste Amplituden. Man hätte dem warmherzigen, eindrucksvollen Sopran von Anna Mengel populärere Noten gewünscht für ihren Auftritt. Besitzt sie doch eine Stimme, die in die Tiefen des Mezzo ebenso zu steigen vermag wie sie Piano-Höhen schafft und hochdramatisch sein kann. In all der Kraft und Schönheit hütet sie sich jedoch, zu kräftig anzuschlagen. Am Textverständnis bliebe zu arbeiten, die klangliche Differenzierung in diesem Gesang überzeugte.

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Anna Mengel

Natürlich muss man sich auf solche Musik einlassen, trotzdem blieb sie sehr speziell. Auch wenn der Klangkörper die Lautmalerei der Begleitung neben der Singstimme gut meisterte. Weiterer deprimierender Faktor war die sehr melancholische und didaktische Rezitation der Verse vor dem Gesang durch ein Orchestermitglied, zumal die akustisch nicht in der letzten Reihe ankam und sowieso im anspruchsvollen Programmheft nachzulesen war.

Nach der Pause wurde es wieder lichter: Für „Fantaisie-Caprice“ op. 152 für Saxofon und Streichorchester von Jean Absil, hatte Schlegel Niklas Wienecke verpflichten können. Der junge Solist, Abiturient des Jahrgangs 2015 am Herzog-Ernst-Gymnasium Uelzen, studiert inzwischen an der Hochschule für Musik in Hannover.
Die Partitur des belgischen Komponisten (1893 bis 1974) vereint französische und Wiener Einflüsse, seine Saxofon-Caprice ist ein witziges, pfiffiges, rhythmisches Stück, das aber – gerade in diesem Instrument - fern der Swing-Schmeicheleien bleibt. Wienecke bläst einen wunderbaren Ansatz, bewältigte die Chromatik ohne Mühen. Seine Wiedergabe blieb immer lebendig und gestisch genau, das Orchester an seiner Seite war konzentrierter Partner.

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Niklas Wienecke

Zum Abschluss wehte ein Hauch Internationale Sommerakademie durchs Theater: Lukas Rudolph gewann dort im letzten Jahr seinen Auftritt in der Kontrabass-Meisterklasse.
Beim Stichwort Sommerakademie weiß der Zuhörer, dass musikalische Höchstleistungen folgen. Das Konzert fis-moll op. 3 von Serge Koussevitzky (1874 bis 1951) bestätigte dieses positive Vorurteil.

Der Komponist hieß eigentlich Sergej Alexandrowitsch Kussewitzky, als er in Boston starb, war das allerdings Vergangenheit. Die drei Sätze Allegro, Andante und Allegro boten Gelegenheit für ein ungeheuer virtuoses Spiel des Solisten. Präsent und technisch souverän, ein Fanal – Satz eins. Satz zwei klang nach Katzenjammer, exquisiter Katzenjammer jedoch mit einem Duo Geige/Kontrabass am Ende, das sich in höchste Höhen schraubt. Satz drei erforderte Schwerstarbeit und den Könner. Er erklang in inspirierender Ausstrahlung.

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Leider verlor sich das Orchester öfter in seinem Part, sodass der Solist alles zusammenzuhalten schien. Auch hätte man sich den Orchesterbeitrag gerade in Satz eins und drei zupackender gewünscht. So blieb die Leistung für dieses Stück Hochromantik zwiegespalten. Am Ende erhielten die Akteure für die zwei Konzertstunden dennoch viel Beifall, die Solisten sicherlich ein paar Applaus-Phonstärken mehr. Insgesamt kamen etwa 300 Zuschauer zu den beiden Konzerten, das hier besprochene wurde in Bad Bevensen gespielt.
Barbara Kaiser - 02. Mai 2016

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