Alles Walzer – oder was?

Drei Holdenstedter Schloss(wochen)tage mit Operettenrevue eröffnet

Das Thema der Holdenstedter Schlosswochen, die zunächst zum Singular mutierten und jetzt drei Schlosstage genannt werden müssten, kam fatalistisch daher: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“. So viel Ergebenheit in sein Schicksal ist eigentlich ungesund. Es sei denn, die Operette nimmt sich dessen an. Mit Ironie und spitzer Libretto-Feder. Der erste Abend im ausverkauften ovalen Schlosssaal war ganz diesem Genre gewidmet. Er war ein Auftritt, der Funken schlug.

Vor 100 Jahren musste man, um eine Operette auf die Bühne zu bringen, vor allem den Mut zur Frechheit besitzen. Man klopfte der alten Oper den Staub aus – Cancan statt Walkürenritt, Parodie statt Pathos. Nach noch einmal 100 Jahren Massenkultur beschleicht einen der Verdacht, Frechheit allein ist auch nicht alles. Denn ist es nicht wieder einmal die Zeit für den Offenbachschen Anspruch: Dynamit zu sein im Untergrund einer selbstzufriedenen Ordnung?

Nachdem die Wagner-Räusche zu schwer verdaulich daher kamen, wollte man den champagner-selig-leichten Kick. Jaques Offenbach und Johann Strauß bedienten das Verlangen, sich in der aufreizend unwirklichen Welt Ausgangs des 19. Jahrhunderts als ein anderer zu fühlen, als der, der man war, man zu sein hatte. Aber Obacht: Sie taten es auf gefährlich-schöne und bösartig-witzige Art. Sie hielten ihrem Publikum einen Spiegel vor und – das merkte es oft gar nicht. Bis die Zensur einschritt.

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Fotos: Barbara Kaiser

Natürlich kann das ein Schlosswochen-Abend nicht leisten, denn der ist keine Inszenierung. Man sollte es jedoch mitgedacht und sich nicht nur den unsterblichen wie unverwüstlichen Melodien hingegeben haben!

Als Warm-up erklangen Auszüge aus Arthur Sullivans (1842 bis 1900) Operette „Der Mikado“. Der Londoner Komponist hatte es aus ärmsten Verhältnissen zum Akademie-Kompositionsprofessor gebracht und wurde von Königin Victoria für seine Verdienste um die englische Musik geadelt. Mit „Der Mikado“ bediente er die damalige Mode für den fernen Osten. Seine Musik ist eingängig, der Plot treibt jedoch mit dem Entsetzen Scherz, was man trotz des exotischen Kolorits nicht mögen muss. Eine Hörerfahrung war das Ganze allemal.

Vielleicht sind die Erkenntnisse, zu denen Orpheus und Eurydike, vor allem aber die personifizierte öffentliche Meinung in der Operette „Orpheus in der Unterwelt“ gelangen oder die Erfahrung eines Eisenstein mit seiner Rosalinde aus der „Fledermaus“ genauso niederschmetternd? Denn: Glücklich, wer über so viel Selbstbetrug lachen kann. Aber genau das soll man ja.

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Drei Werke also. Drei Mal Liebe und Hass, weggesperrte Sehnsüchte, ausgebliebene Erfüllung – unser ganzes unerlöstes Leben. Mehr als ein Dutzend Darsteller in verschiedenen Rollen, zusammengehalten und zwischenmoderiert von Joachim Draheim, der mit seinen Texten Humor bewies. Am Flügel Volker Link, der das Orchester ersetzte, nur Natascha Korsakowa durfte Prof. Orpheus mit ihrer Geige assistieren. Link war ein gewohnt einfühlsamer Begleiter, der sich nicht in den Vordergrund donnerte; sein Pensum an diesem langen Abend ein enormes.

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Die Leistungen der Sängerinnen und Sänger erwartungsgemäß unterschiedlich, aber ausgewogen, ihr schauspielerischer Einsatz freudig. Zu meckern wäre darüber, dass einige immer ein Textbuch brauchten. Das störte den Eindruck, weil Verfremdung hier ja fehl am Platze ist.

Mit ihrem wunderbaren Sopran überzeugte Natascha Dwulecki als Rosalinde. Voller lyrischer Süße, Innigkeit und falscher Träne in der Stimme. Der sauschwere Fledermaus-Csárdás aus dem zweiten Akt kam mit ihr satt, samtig, klar und temperamentvoll-sicher. Dagegen traf ihre Kollegin Miriam Alexandra die (schrillen) Höhen nicht immer und war mit Koloraturen meist überfordert. Bei den Liedern der Adele „Mein Herr Marquis“ und „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ brauchte sie endlich einmal keine Textvorlage und konnte, wenn auch oft übertrieben, posieren. Wohin sind die Zartheit und die Pianissimokunst, die sie uns Zuhörern in vielen Schlosswochen-Jahren schon geboten hatte? Die Dritte im Bunde, Amy Rodenburg, blieb verlässlich, aber ohne nennenswertes Charisma.

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Carolina Bruck-Santos kennen wir als faszinierenden Mezzosopran. Vielleicht war der beim Auftrittslied des Prinzen Orlowsky ein wenig zu hysterisch, aber der Mann ist ja der Exaltierten einer. Die beiden Tenöre des Abend, Camillo dell`Antonio und Wilhelm Adam, ließen, obwohl so unterschiedlich, keine Wünsche offen. Adam als Orpheus und Jugendliebe Alfred – mit Persönlichkeit und Enthusiasmus. Dell`Antonio als alberner „Prinz von Arkadien“, der, weil es (nicht erst) seit Theo Lingen in dieser Rolle üblich ist, aktuelle Strophen hinzuzudichten, über den Schlossverkauf singen durfte; als Eisenstein hatte er alles, was man von dieser Partie an Leuchtkraft erwarten darf. Herrlich sein Duett mit Dr. Falke „Komm mit mir zum Suppé“, in dem Claus Temps, das Urgestein der Schlosswochen, kongenialer Partner war.

schlowo1-4Überhaupt Claus Temps: Seine Auftritte verraten den Liedsänger, er kann stimmlich gestalten auch ohne große Gesten, mit artikulatorischer Disziplin und differenzierter Dynamik blieb er auch über die vielen Jahre der Bekanntschaft eine Freude. Fehlt noch der Bass: Gregor Loebel hatte dafür passgenau Gestalt und Stimme. Sein Gefängnisdirektor Frank - eine wohltimbrierte Studie.

Alle Solisten schlossen sich mit geringfügiger Verstärkung auch zum Chor zusammen, was Kunststück an sich ist. Manchmal hatte der zwar Opernhaus-Phonstärke, aber das war wohl dem allgemeinen Übermut geschuldet. Am Schluss, nach zweieinhalb Stunden, der Applaus donnernd. Das Publikum hatte dafür durchaus viele gute Gründe. Fortsetzung folgt.

Barbara Kaiser – 29. August 2015

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