Alles nur Spiel

Theater-AG der BBS 1 fragt: Realität oder Fiktion?

Ist es Panoptikum? Oder ein Stück Leben? Oder nur das Bild – der Spiegel – unserer Welt, zum Austauschen ähnlich? „Das Theater ist eine Kunst wie das Kriegführen und ein Glücksspiel wie das Roulette“, war sich der tschechische Dichter Karel Čapek sicher, „niemand weiß von vornherein, wie es ausgehen wird.“

So auch bei der neuen Inszenierung der Theater-AG der BBS I, mit der man Geduld haben muss. Erst dann ahnt man, worum es geht, gehen könnte. Es schwant einem, worauf das Stück „Die Vorstellung“ von Peter Reul (Bearbeitung Uta Schwarznecker) hinaus will.

Fotos: Barbara Kaiser

Die Theater-AG feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum, und es haben sich von 135 Akteuren aus diesen Jahren 60 für den Besuch der Aufführung am morgigen Samstagabend angemeldet. Sie werden ein Stück zu begutachten haben, das von den naiven Anfängen wie „Der kleine Prinz“ weit entfernt liegt. In der Regie von Uta Schwarznecker und Silke Prause stehen ein Dutzend Schüler auf der Bühne – und deren Leistung ist eine erstaunliche!

Aber wie gesagt, es lässt sich langsam an. Da sitzen und stehen zusammen oder treffen aufeinander Personen, deren Charakter oder Typ man schnell ausmacht. In der Arztpraxis, an der Supermarktkasse, im Café oder im Stadtwald. Beispielsweise Frau Hedwig Meisenberg (herrlich pikiert: Jakub Pokrywinski), die ihre Tochter Mathilde (vorsichtig den eigenen Kopf benutzend: Lina Faltin) stramm deutschnational indoktriniert. Wir begegnen Murat (eine Studie für sich: Banu Iscen), der Schulden bei Wladimir (Russenklischee par excellence: Vanessa Pszenica) anhäufte, aber nicht zahlen kann, oder den zwei jungen liebenswerten Leuten Sabine (zauberhaft: Maylin Stein) und Bernhard (Fynn Lauer beweist zusätzlich als ekliger Ehemann Kurt eine Wandlungsfähigkeit, die sprachlos macht). Wir lachen über Natascha, Wladimirs Freundin ((Priscilla Runge ist blond und trägt Stilettos – das sagt alles), oder die Seniorin (dass Naemi Kurz erst 18 Jahre alt ist, macht ihre Leistung umso bemerkenswerter).

Dann aber erzählt Drehbuchautorin Mira ihrem Freund Tom (kongenial: Friederike Roes und Philipp Jonas) den Inhalt ihres neuesten Films – und wir als Zuschauer erkennen das wieder, was uns die oben Genannten gerade vorspielten.

Ja was nun? Wird es ein Film oder ist das live? Dass Renate (ganz enttäuschte Ehefrau: Angelina Schellin) ihren Kummer im Alkohol ertränkt und schon nach anderen schaut? Dass Mario den Italiener gibt (charmant:  Adrian Meyhöfer) und letztlich seine Suche mit Samantha (glücklich: Alicia Lühring) krönt?

Und dann ist da noch der Fremde (Igor Konczarek), der die klügsten Sachen sagen darf und das sehr prononciert und nachdrücklich darstellt. Etwa: „Manchen Menschen möchte man wünschen, dass sie sich mal selbst begegnen!“ Er ist der, der das Spiel in die Verfremdung zieht, wie bei Bert Brechts Theater. Weil die Zuschauer nachdenken, reflektieren sollen und nicht nur romantisch glotzen (Brecht)!

So sitzen am Ende alle im Theater den richtigen Zuschauern im Pausensaal der BBS gegenüber und erwarten die Aufführung der „Vorstellung“, begreifen aber langsam, dass sie das Spiel selber schon lange abgeliefert haben. Ehe Tristan Schmidt als „Der Autor“ bekennen darf, dass er „das Stück geschrieben (hat), aber nicht wirklich, wenn Sie verstehen, was ich meine“, wird – natürlich – Shakespeare zitiert! Dass die ganze Welt Bühne sei und alle nur Spieler.

So schreibt also das Leben die Geschichten (so viel Phrase muss jetzt sein), wir müssten nur ein bisschen achtsamer mit dem Ergebnis umgehen. „Und die?“, wird am Ende mit dem Finger aufs Publikum gezeigt und gefragt, „Die sind echt? Die spielen keine Rolle?“ –
Und genau diese Frage sollte jeder für sich beantworten. Spielen wir unseren Mitmenschen was vor? Sind wir authentisch (schreckliches Wort!), empathisch, wach und klug? Oder plappern wir nur nach, ehe wir vielleicht zu eigener Erkenntnis kommen? Wie zum Beispiel Mathilde, die sich, das kann als sicher gelten, von ihrer Mutter abnabeln wird.

„Die Vorstellung“ ist ein Stück, das nicht versucht, intelligenter zu sein als es ist. Das ist Lob angesichts der doch abgehangenen Story. Aber die jungen Leute der Theater-AG bieten es vor allem als Selbstsuche, das macht es sympathisch. Und der Zuschauer nimmt es als Denkanstoß an: Wo sind wir echt? Wo lauert nur die Feigheit hinter der Leutseligkeit, das Fragwürdige hinter dem scheinbar Biederen?
Ohne falschen Moralismus und der Selbstüberhebung einer unangebrachten Arroganz bringt das Team die Frage zu ihrem Ende, wie wir miteinander leben (wollen). Das ist allemal sehenswert!
Aufführungen: Heute und morgen, 24./25. Mai, jeweils 20 Uhr, Pausenhalle der BBS I Scharnhorststraße.
Barbara Kaiser – 24. Mai 2019

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben