Ach, so viel Himmelsmacht!

Das Theater für Niedersachsen präsentierte mit dem „Zigeunerbaron“ einen schwungvollen Jahresabschluss

Es war auch am Silvesterabend 2017 im zu vier Fünfteln besetzten Theater an der Ilmenau der seit über 100 Jahren abgespulte Gang: Paare lieben sich – 1. Akt. Sie streiten oder kriegen sich (vorerst) nicht – 2. Akt. Sie versöhnen sich oder alles wendet sich auf wundersame Weise zum Guten – 3. Akt. Operette eben. Dieses Spiel, das uns mit glücklich vereinter Bosheit und Intelligenz nicht sagt, wie die Welt zu sein hat, sondern sie parodiert, wie sie ist. Bei Johann Strauß` „Zigeunerbaron“ kommt noch eine große Prise Patriotismus dazu.

„Der Zigeunerbaron“ in der Aufführung des Theaters für Niedersachsen (TfN) war der mit Esprit geladene Parforceritt durch die unverwüstliche Karikaturenrevue. Das lag ganz bestimmt am musikalischen Leiter Achim Falkenhausen, der sich im Orchestergraben mit Temperament und Sinn stiftend dieser Musik zu Füßen warf. Dazu kamen viel Volk auf der Bühne (Opernchor und Extrachor!) und eine üppige Ausstattung (Michael Goden).

Fotos: Barbara Kaiser

Das ergab eine kraftvolle und standfeste musikalische Kulisse: Schöne Ensembles, berührende Duette - frisch und unsentimental sogar das kitschigste des ganzen Werkes, „Wer uns getraut“, Sie wissen schon: „Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht!“ – plus solide und sehr hörenswerte Solostimmen. Falkenhausen führte am Pult alle flott, stringent und auch das kompakteste Tableau immer zusammen.

Ja, wir kennen sie, die Geschichte vom Zigeunermädchen Saffi, die eigentlich eine Hochwohlgeboren ist, und ihrem Barinkay. Vom Schweinefürsten Zsupán, einem frühen Pisa-Opfer, denn „das Schreiben und das Lesen, sind nie mein Fach gewesen“. Oder seiner Tochter Arsena, die ihren Ottokar liebt. Dazu der Krieg, weil das Vaterland ruft…

Das TfN ersparte seinen Zuschauern Volkstümelei und auftrumpfenden Nationalismus, obwohl das Werk zu seiner Uraufführung im Jahr 1885 die offiziellen Bestrebungen - bedingungsloser Kampf für das Habsburger Herrscherhaus, glänzender Sieg und Belohnung der Kämpfer – unterstützte wie kaum eins. Österreich hatte kurz zuvor die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, da mochte solche Propaganda recht sein. Aber eine Liedzeile, wie sie Zsupán im dritten Akt anstimmt, hört man heute wohl mit noch anderen Ohren: „Solch ein Krieg ist ein Graus, Gott sei Dank ist er aus!“

Dem Silvesterfrohsinn des Abends war diese Inszenierung förderlich, denn bereits die Ouvertüre ließ erahnen, dass hier der Kosmos Strauß fröhlich und mit dem Magnetismus der Massentauglichkeit durchschritten werden würde. Von der ländlichen Zigeuneridylle („Oh habet acht“) bis zur Triumph-Marsch-Begeisterung (Von des Tejo Strand“), zwischen burschikoser Heiterkeit („Als flotter Geist“), lyrischer Empfindsamkeit („Wer uns getraut“) und den volkstümlichen Reverenzen („Das wär` kein rechter Schiffersknecht“).

Von den beeindruckenden Chören, die sich beherzt verschwendeten an diese Musik, war bereits die Rede. Dazu kamen Solisten, die stimmlich und auch schauspielerisch ihren Beitrag zu dieser gelungenen Aufführung leisteten: Dirk Konnerth war Sandor Barinkay, der Zigeunerbaron – stimmlich mit Glanz. An seiner Seite Arantza Ezenarro als eine zarte Saffi, deren lyrische Stimme nie in die Nähe von Anstrengung geriet. Eindringlich, voller Wohllaut und mit Energie auch Levente György als Schweinefürst Zsupán, Meike Hartmann als Arsena, seine Tochter und Aljoscha Lennert, ihr heimlicher Bräutigam.

Die Aufführung entkam dem Klischee einer Kulissen-Operette, weil sie nicht mit albernen Pointen zu spielen versuchte und dennoch witzig und launig blieb. Außerdem wurde in lockerem Rhythmus musiziert, der Sound des Orchesters blühte mit voran schreitender Zeit immer satter, wohlklingender.

Ein Hoch also wieder auf die unverwüstliche, unsterbliche und betörende Musik von Johann Strauß, die, vor 130 Jahren uraufgeführt, nichts von ihrem Charme verlor. Denn so viel Himmelsmacht-Liebe muss einfach auch einmal sein.
Barbara Kaiser – 01. Januar 2018

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