Abschiedsvorstellung

Die „Galerie drei Eichen“ Emern schließt ihre Pforten/Letzte Ausstellung mit Bildern von Alexandra Frohloff und Jochen Stücke

Der französische Künstler Bernard Frize (*1949), der in dieser Woche mit dem Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste geehrt wird, antwortete auf die Frage, was ein Bild sei, wie folgt: „Ein Bild ist ein Objekt, das an der Wand hängt und darauf wartet, dass Leute vorbeikommen und es aktivieren.“ Zudem ginge es bei Bildern um Übereinkommen. Zwischen dem Betrachter und der Natur. Oder dem Betrachter und dem Künstler?

Antworten darauf kann sich der Besucher der „Galerie drei Eichen“ noch bis zum 10. Oktober 2015 stellen. Bis dahin sind die Arbeiten von Alexandra Frohloff und Jochen Stücke in den Räumen in Emern ausgestellt.
Die Schau ist gleichzeitig Abschiedsvorstellung. Dr. Else und Prof. Dr. Werner Fricke schließen die Tore ihrer Galerie, die ihr Lebenstraum war, aus Altersgründen zu. Damit ereilt dieses Schicksal nach der Galerie „Im Stall“ in Niendorf II die zweite private Initiative zur Präsentation von Kunst im Landkreis. Für Wehmut sollte aber zur Vernissage kein Platz sein, denn die zu ziehende Bilanz ist eine erfreuliche. Seit der Eröffnung am 4. September 1999 erlebten die Gäste fast 100 Ausstellungen, Workshops, Theateraufführungen und Lesungen. Es war ein buntes und reichhaltiges Programm, das Genugtuung über Geleistetes hinterlassen sollte. (Erzählt wurde die Geschichte der Galerie in der „Barftgaans“-Ausgabe 02/03-2014.)

Die Arbeiten des Duos Frohloff/Stücke sind ein würdiger Abschluss, zumal sich Dr. Else Fricke um die Bilder von Jochen Stücke, Professor für Zeichnen, Illustration und Druckgrafik an der Hochschule Niederrhein Krefeld, über lange Jahre bemühen musste. Alexandra Frohloff ist dessen Mitarbeiterin mit eigenem Lehrauftrag.

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Frohloff nennt ihre Blätter „Erinnerte Landschaft – Innere Landschaft“. Die kleinformatigen Druckgrafiken tragen Titel wie „Grenzen“, „Eisiges Wasser“, „Falling into darkness“ oder „Nacht“. Zurückhaltend und still sind sie und vielleicht ein Paradebeispiel für die Aufforderung, wie von Bernard Frize eingangs zitiert: Man muss das Bild für sich selbst aktivieren!
So ähnlich sagte es auch Jochen Stücke zur Vernissage über die Arbeit seiner Kollegin: Frohloff biete nur so viel an, „wie wir zur Entfaltung eigener Fantasie nötig haben.“ Die Künstlerin setze bewusst der lärmenden Überfülle inhaltsreiche Leere gegenüber. Dazu experimentiere sie in langen Versuchsreihen mit künstlerischen Techniken – Radierung, Linolschnitt – und fächere versiert deren Spektrum auf.

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Da beiden Künstlern eigen ist, dass sie nach Literatur arbeiten, ohne einen Text ausdrücklich illustrieren zu wollen, sind Frohloffs Drucke eine Mischung aus geistigen und sinnlichen Erfahrungen. Auch wenn das dem Betrachter angesichts der großen abstrakten Düsternis manchmal schwer fallen mag zu verstehen. Wenn ihr Grundthema aber die Stille ist, könnte man Identifikation zumindest versuchen.

Ganz anders die Bilder von Jochen Stücke. „Pariser Zeitreisen“ nannte er die und der Betrachter ist sofort mittendrin. Flaniert durch die Straßen und unter den Brücken der Seine-Metropole, steht staunend vor einem Porträt Dantons, dem großen Gegenspieler Robespierres in der Französischen Revolution. Apropos: Ein Bild Stückes heißt „Aus einer neuen Mütze wird ein alter Hut“ – aus der Jakobinermütze wird da Napoleons Zweispitz-Kopfbedeckung. Nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ stülpt sich einer die Kaiserkrone auf und unterjocht ganz Europa. Was für eine traurige Mutation.

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Die Bilder von Jochen Stücke sind pralles Leben. Auf völlig andere Art assoziationskräftig und –fähig als die Dunkelheiten von Alexandra Frohloff. Stücke ist ein begnadeter Zeichner, obendrein ein Stimmungszauberer. Seine Tuschbilder, manchmal Federzeichnungen unter Verwendung von wenig Gouache, brauchen die Farbe nicht, um zu vibrieren. Man spürt eine Dynamik, prickelnde Atmosphäre. Wie beispielsweise bei „Manon Lescaut“, die mit ihrem Geliebten die Flucht verabredet und natürlich belauscht wird.
Stücke vertraut der Kraft der Kontur und seine Präzision schafft Ästhetik. Die Bilder sind ein Kosmos der Augenblicke, in grafischer Klarheit und Anmut.

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Beschäftigt sich Alexandra Frohloff eher introvertiert mit den Landschaftsbeschreibungen in der Literatur, geht Stücke den in den Büchern beschriebenen menschlichen Eigenschaften nach (so wird Manon Lescaut die Flucht nicht schaffen, weil sie erst noch ihren Schmuck einpacken muss!) und spielt auch mit dem Witz. Beispiel: „Die Hofdamen Marie Antoinettes erwarten ihr Schicksal in der Metrostation Bastille“. Bedenkt man, dass die Métro Paris erst im Jahr 1900 eingeweiht wurde, blickt die ganze Hofbagage, deren hochgetürmte Frisuren sie in keinem Waggon Platz finden ließen, an den Gleisen stehend, in einen dunklen Tunnel, aus dem sie das Unheil erwarten. Eine herrlich ironisch-pathetische Umsetzung.

So geben die Werke beider Künstler Raum zum Weiterdenken, Voranblicken, Fantasieren.
Die Finissage findet am Samstag, 10. Oktober 2015, um 16 Uhr statt. Bis dahin ist die „Galerie drei Eichen“ noch geöffnet freitags bis sonntags, 15 bis 18 Uhr. Oder nach Vereinbarung (Telefon: 05825/1346).

Barbara Kaiser – 15. September 2015

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