Abschiedsnoten

Sommerakademie bog mit erstem Abschlusskonzert auf die Zielgerade ein

Der hellste Stern dieses Konzertabendhimmels war Sofia von Freydorf! Wie die 22-jährige aus Dresden das Allegro aus der Cellosonate op. 40 von Dmitrij Schostakowitsch darbot (kongenial am Flügel Henning Vauth als Begleiter), das musste einen hinreißen.

Der Komponist hatte sich dafür den Vorwurf der „Zügellosigkeit“ statt „menschlicher Musik“ (was immer man darunter verstand) gefallen lassen müssen. Dass Politbürokraten und  Kampfliedmarschierer diese wunderbaren Noten nicht verstanden, ist auch heute nur ein fassungsloses Kopfschütteln wert. Im orientalischen Kolorit eines Aram Chatschaturjan fegt diese Musik, der kein (politisches) Programm zugrunde liegt, wild-grotesk und karikierend in die Ohren. Ein herrlicher Kontrapunkt zur Haydn-Harmonie, mit der das Programm eröffnete, und eine Interpretin, die staunen machten konnte.

Sofia von Freydorf                  Fotos: Barbara Kaiser

Die Sommerakademie bog mit dem ersten Abschlusskonzert, das traditionell im Kloster Medingen stattfindet, auf die Zielgerade. Insgesamt spielten sich 14 junge Musikerinnen und Musiker in die Herzen des Publikums. Dafür, dass das Spiel von Anfang bis zum Schluss fesselte, sorgten Gespür, Präzision und Vitalität, womit die wieder erfreulichen Leistungen auf hohem und höchstem musikalischen Niveau vorgeführt wurden.

Großen Zuspruch darf finden, dass die jungen Leute sich nicht nur auf das übliche klassische Repertoire beschränkten, sondern sich auch mutig Partituren aufs Pult legten, die eher wenig Renommierfaktor besitzen.
Da spielte die erst 17-jährige Chinesin Chong Wang „Le Gibet“ (Der Galgen) aus Maurice Ravels „Gaspard de la Nuit“, und der Zuhörer denkt: Laut und schnell kann jeder, aber hier die Spannung und das Totenglöckchen der Musik am zarten Bimbam zu halten, das kann nicht jeder! Es war übrigens Ravel, der sagte, dass die größte Macht das Pianissimo sei – Chong Wang kann als der Beweis dafür gelten.

Chong Wang

Oder Aurelius Braun. Der 22-Jährige aus Berlin interpretierte aus Claude Debussys „Préludes I“ das „Des pas sur la neige“ – Fußstapfen im Schnee. Eine todtraurige Winterlandschaft, die an Schubert gemahnt. Was für eine betörende atmosphärische Tristesse in diesem Spiel.
Chie Nakawaga aus Japan blieb danach bei diesem Komponisten und perlte mit „Cloches à travers les feuilles“ aus „Images II“ die „durch das Laub klingenden Glocken“ über die Tasten. In atemleichter Zartheit, kostbarer Fragilität und souveränem Schmelz.

Aurelius Braun

Yung Hoon Chun

Davor hatte Lara Sauermann (21) ihren Auftritt. Sergej Prokofjews fünf „Sarkasmen“ op. 17 sollte man eigentlich nicht zerreißen, weil sie Stellungnahmen des Komponisten sind. Aber auch mit der Nr. 1+2 wurde durch die Pianistin klar, dass der Russe hier Zweifel, Aufruhr und Protest schrie. Die kräftigen, dissonanten Töne blieben dennoch eine ohrenfreundliche Angelegenheit, obwohl sie sich der „Reflexion der dunklen Kräfte des Lebens“ (so zeitgenössische Kritiker) widmeten.

Dass der Abend gelang, dafür sorgte - auch traditionell - das Kammerorchester „Wratislawia“ aus Wrocław (Polen) unter der Leitung von Jan Stanienda. Der Klangkörper spielte forsch wie gewohnt, aber scheinbar mit klarerem, geklärtem Sound und zudem sichtbar verjüngt. Die polnischen Gäste agierten im beschwingten Concertare, dem sich die Solisten kooperierend einordneten oder es auch beeinflussten.
So wie ein anderer besonderer Leuchtpunkt des Konzertes: Der Südkoreaner Yung Hoon Chun durfte den Abend beschließen mit dem Rondo Allegro aus Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 c-moll op. 37. Mit bezauberndem kultivierten Anschlag ließ er sich nie zum Donnern verleiten und zähmte auch ein zu großes Forte im Orchester. So entstand in beschwingter Übereinstimmung Musik angespannter Energie und freundlicher Zuversicht.

Am Ende gab es den verdienten Applaus und glückliche Gesichter. Zufrieden offenbar auch Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter der Sommerakademie, der entspannt zurückgelehnt im Publikum sitzen durfte, nachdem er Altäbtissin Monika von Kleist ein weiteres Mal für die Gastfreundschaft in den ehrwürdigen Gemäuern gedankt hatte. Denn genießen konnte man dieses Konzert, das durch die verschiedenen Auftritte farbigstes, temperamentvoll voranreißendes Leben gewann.
Barbara  Kaiser – 1. Juli 2017

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