Abschiedskonzert

GMD Christoph-Mathias Mueller verabschiedet sich mit Brahms- und Dvořák-Noten von einem dankbaren Uelzener Publikum

Generalmusikdirektor Christoph-Mathias Mueller, seit 2005 Chef des Göttinger Symphonie Orchesters, gab im Symphonischen Ring 2017/18 seine persönliche Abschiedsvorstellung in Uelzen. Als GMD verlässt er auch Göttingen mit dem Ende der Saison. Mueller war stets ein geschätzter Gast im Theater an der Ilmenau. Seine quicklebendigen Neujahrskonzerte werden vor allem legendär bleiben, was die musikalische Qualität angeht und die kundige Moderation – erfreulich fern jeder Didaktik - betrifft. Für sein Abschiedskonzert legte sich Mueller Noten von Johannes Brahms und Antonin Dvořák aufs Notenpult.

Vor dem Konzert hatte ich die Gelegenheit, mit dem Musiker, der 1967 in Peru geboren wurde und in der Schweiz aufwuchs, zu sprechen. Mueller studierte Violine in Basel und Komposition in den USA. Er nennt Claudio Abbado, dessen Assistent er war, seinen größten Mentor und sagt: „Ich war schon immer musikbesessen. Ich kann ohne Musik nicht leben. Aber ich habe auch ein Mitteilungsbedürfnis – ich möchte andere begeistern.“ Und: „Mit der Musik wird etwas ausgedrückt, das größer ist als man selber…. Der Notentext kann nur eine Anleitung sein – fühlen muss man selber!“

Interview:
Wann ist für Sie ein Konzert gelungen? „Wenn das Publikum zufrieden ist, wenn ich es berühren konnte, wenn etwas ausgelöst wurde.“
Ist das Uelzener Publikum ein dankbares? „Sehr! Es ist ein offenes und begeisterungsfähiges Publikum.“ (Und Mueller lächelt sein charmantestes Lächeln bei dieser Antwort!)

Ihre stete Offenheit für Neues, ein Konzertprogramm nicht entlang der gängigen Muster und des Mainstream – wie schwer setzt sich das durch beim Orchester, bei Konzertveranstaltern und beim Publikum? „Beim Orchester ist es gar nicht schwer. Ich vermittle ihm, dass es das beste Stück überhaupt ist! Meist ist es mir auch gelungen, das Publikum zu interessieren. Die Veranstalter sind vielleicht der schwierigste Part, weil da auch finanzielle Sorgen drücken.“

Sie haben 2010 am Bolschoi-Theater Moskau die Inszenierung der „Fledermaus“ geleitet und die russische „Gaseta Kultura Moskwa“ (Kulturzeitung) nannte Sie einen „der begabtesten und interessantesten Dirigenten seiner Generation“. War die „russische Erfahrung“ eine neue, andere? „Ich war davor schon in Russland und es war immer ganz toll! Mit den Musikern findet man in diesem Land wunderbar über das Emotionale zusammen.“

Haben Sie Favoriten unter den Komponisten oder gehen Sie lieber auf Entdeckungsreise? So wie in der sowjetischen Roman-Trilogie „Neuland unterm Pflug“! „Ich bin grundsätzlich ganz offen, was das Repertoire angeht. Ich bin ein Musikverschlinger. Wenn ich jemanden nennen dürfte, dann wäre das Bach. Aber ich bin ja so privilegiert, dass ich immer Neues kennenlernen darf.“

Zum Schluss die lokale Frage: Wie war für Sie die Zusammenarbeit mit Hinrich Alpers? „Es war eine sehr gute Zusammenarbeit, weil wir uns musikalisch sehr gut verstehen. Man arbeitet da gemeinsam an Lösungen. Außerdem ist er ein hervorragender Pianist!“

Christoph-Mathias Mueller wird nach dem Abschluss der Saison in Göttingen als freier Dirigent tätig sein und freut sich darauf. Es eröffne so viele Möglichkeiten, sagt er. Es sind ihm Erfolg und das nötige Quäntchen Courage zu wünschen, denn er ist einer, der auch als Fragender leise bleibt, der, was er für sich tut, immer auch für andere ins Werk setzt. Seine Freundlichkeit kommt aus einem großen Herzen, das für die Musik schlägt, für die er alle anderen begeistern will.

Fotos: Barbara Kaiser

Im Konzert des Symphonischen Rings gelang ihm das ein weiteres Mal. Der Abend hatte kein Warm-up, nur große Brocken: Vierzig Minuten Antonin Dvořáks Konzert Nr. 3, g-moll op. 33 für Klavier und Orchester mit Hinrich Alpers als Solist am Flügel und 50 Minuten Johannes Brahms` Sinfonie Nr. 4 e-moll op. 98.

Wer das Dvořák-Klavierkonzert gering schätzt, weil es nicht zum Renommierprogramm vieler Pianisten gehört, liegt ziemlich schief. In der Interpretation von Hinrich Alpers war es zusätzlich in guten Händen. Bei ihm war das Allegro agitato des ersten Satzes nicht Agitation, sondern verschwenderischer Furor. Mit einer Kadenz zwischen „das große Tor von Kiew“ und Manhattans Wolkenkratzern. Das Andante von Satz zwei, von einem zärtlich singenden Horn vorgegeben und aufgenommen durch das Soloinstrument, weitete sich zu einer schwärmerischen Erzählung. Beseelt und ruhig, manchmal von energischen Zwischenrufen unterbrochen und verzitternden Streichern am Ende.
Satz drei nahm mit Allegro con fuoco langsam Fahrt auf, was jedoch nicht Protzerei hieß. Es erklang in einer Spielweise, die ihre Kraft nicht aus Lautstärke, sondern, wie immer bei Alpers, aus innerer Dynamik schöpfte. In pfiffiger Flinkheit, mit optimalem technischem Schliff, von tapferer Vitalität und Größe.

Als Zugabe erklang eine Humoresque des Komponisten, die Nr. sieben, eine von acht im Klavierzyklus op. 101. Es ist die wohl bekannteste, weil sich auf sie auch ein süßlicher Kaffeehaus-Text singen lässt…. Hinrich Alpers erwies dem „gracioso“ in der Spielvorschrift die allerhöchste Ehre!

Nach der Pause die Brahms-Sinfonie. Christoph-Mathias Mueller hielt die hochromantischen Klangballungen fest in der Hand. Er verzichtete auf die ganz große dramatische Amplitude, setzte dagegen auf die fragile Durchhörbarkeit der Motive und Instrumentengruppen. Er akzentuierte frisch und verlangte von den Streichern eleganten Schwung. So wurde das Allegro des ersten Satzes eine aufregende Angelegenheit und ein Hörerlebnis.

Die Elegie des Andante in Satz zwei hatte etwas Orientalisches, ehe die Kantilene vorsichtig Sehnsucht verströmte. Dem folgte in Satz drei lärmender Trubel in C-Dur. Fast meinte man, noch bei Dvořák zu sein oder seinem Kollegen Smetana und dem Furiant aus dessen „Verkaufter Braut“. Die Verdunkelung folgte auf den Fuß in Satz vier: Die Flöten gaben den Dreiertakt der barocken Passacalia vor, die sich in zahllose Variationen ergießen würde.

Mueller trieb sein Orchester zu Glanzstellen der Differenzierung. Nie geschwätzig. Schimmernd, nie plakativ. Der instrumentale Reichtum war sicherlich kein „easy listening“, aber die Musiker hielten die Spannung in jeder Nuance eindringlich und mit Verve, was dem „compónere“, dem Zusammensetzen des Komponisten, zusätzliche Huldigung war.

Am Ende gab es rhythmischen Applaus eines dankbaren Publikums. Erst recht nach der ersten Zugabe, Brahms` Ungarischer Tanz Nr. 1. Die Konzertbesucher erklatschten sich auch die Nr. 5. Bewegter und schöner kann man einen Dirigenten nicht verabschieden. Glück auf den Weg!
Barbara Kaiser – 15. April 2018

 

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