88 Tasten – pur

Konzert der Winteracademy of Music beglaubigte hohes Niveau

Auf die Frage, ob er nicht Angst davor habe, das Format „Musikakademie“ totzuspielen, hatte Hinrich Alpers ein klares „Nein“ als Antwort. „Für das Publikum oder die Teilnehmer“, fragte er zurück. Bei den Teilnehmern sei ein klarer Bedarf da, was man schon daran gesehen habe, dass sich auf die zehn ausgeschriebenen Plätze 20 junge Musikerinnen und Musiker beworben hatten. Angenommen wurden 16, Voraussetzung dafür die Selbstausbeutung der zwei Dozenten Alpers und Goetzke. „Und wenn das Publikum uns nicht mehr hören will, dann arbeiten wir still für uns“, ergänzte Alpers, der jetzt mit der eigentlich dritten Winterakademie an die Öffentlichkeit trat.

Vor allem die Sommerakademie ist ein musikalischer Marathon, aber die Vorstellung, das Publikum bliebe ausgeschlossen, ist eine sehr seltsame. Weil Künstler aber den Applaus brauchen, sind diese Gedankenspiele wohl doch eher theoretischer Art.

Nun gab es im Schloss Holdenstedt ein quasi Abschlusskonzert der „Academy of Music - Winter“, so das internationalere Label. Auch weil es für ausländische Zungen schwierig ist, einen deutschen Umlaut – wie das „ü“ in Lüneburger Heide - zu formen! Damit bleibt die Akademie jedoch ohne lokalen Bezug, was schade ist.

Wein für die Dozenten.      Fotos: Barbara Kaiser

Geht der Zuhörer in Konzerte des Formats „Musikakademie“, hat er Lust auf Superlative. Denn immer sind hier junge Instrumentalisten versammelt, im Sommer auch Streicher, die Staunen machen. Zum jetzigen Winterkonzert stellten sich zehn junge Leute vor. Klavier pur.
Im Gedächtnis blieben nicht alle. Es schien, als sei zu Vieles sehr auf Lautstärke geeicht, die oft genug der Magnetismus für Massentauglichkeit ist. Aber wo bleibt die Lust am Leisen, das den Zuhörer bezwingt? Keinesfalls bescheinigen jedoch darf man, die Pianisten hätten nur ein unbehagliches Gefühl von Glätte und Unverbindlichkeit erzeugt. Sie alle waren mit ihren Seelen bei der Sache – das Gefühl für den immer richtigen Ton wird sich einstellen….

Schönste Erinnerung an diesen Konzertabend ist die „Hymne à l`Amour“ von William Bolcom, des US-amerikanischen Komponisten und Pianisten, Jahrgang 1938. Jungeun Oh aus Südkorea stellte diese eine aus „Twelve New Etudes“ (1986) vor. Die rechte Hand gibt hierbei ein Perpeduum Mobile aus acht immer gleichen Tönen, die linke imaginiert in Akkorden Freud und Leid dieses Gefühls, das wir Liebe nennen. Im Mittelteil gibt es zu beiden Händen eine kurze, heftige Vereinigung, bis der Gefühlssturm wieder vorbei ist. Danach lässt sich der eine in der Contenance seiner wieder aufgenommenen acht Töne nicht mehr stören durch die ihn umtanzenden Störfeuer, Zurückgewinnungsversuche… Ein bemerkenswertes Stück neue Musik, der die 26-jährige Pianistin eindringlich Sprache verlieh.

Pianistin Jugeun Oh.  

Sehr suggestiv, in edler Zurückhaltung, das asiatische Timbre deutlich aufscheinen lassend, spielte Hyunseok Kim, der 23-jährige Koreaner, „Pagodes“ (aus: „Estampes“) von Claude Debussy. Intensiv ausgefühlt. Nie geschwätzig. Ein wunderbarer Auftritt.
Einen stürmischeren Applaus des Publikums erhielt Artem Kopylov, der erst 14-jährige Russe, der in Kanada lebt. Die „Polonaise de Concert“ op. 72,6 seines Landsmanns Pjotr Iljitsch Tschaikowsky geriet unter seinen Händen mit viel Gefühl für den Schwung dieser Noten absolut. Trotz des großen Schwierigkeitsgrades der Partitur spielte sich der Junge lebhaft, farbig und plastisch, dazu technisch souverän, in die Ohren seiner Zuhörer. Zügelte er die Lautstärke noch, amalgierte nicht die Kraft des Ausdrucks allein daraus, würde er noch beeindruckender sein.

Hyunseok Kim aus Korea.

Pianist Artem Kopylov.

Es geht hier ja nicht um Rangfolgen. Die Academy of Music will bewusst Meisterklasse, nicht Wettbewerb sein. Deshalb sei hier allen, die in diesem Konzert aufspielten, bescheinigt, wie sehr sie handwerklich geerdet waren, wie feinfühlig sie durch motivische Kontraste navigierten, wie uneitel und mit welch größtmöglicher Lässigkeit sie sich in den Dienst der jeweiligen Partitur stellten. Es war eine Freude, ihnen zuzuhören. Und vielleicht sieht man den einen oder anderen zur 10th Summeracademy of Music, vom 04. bis 14. Juli 2019, wieder.
Barbara Kaiser – 06. Januar 2019

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