12 Uhr mittags

Auf den Punkt gegen Stress und Hektik: Immer am Mittwoch in St. Marien

Kantor Erik Matz hat sich im Reformationsjubiläumsjahr für den traditionellen „Orgelpunkt“ am Mittwoch um 12 Uhr etwas Besonderes ausgedacht: Er bat Bürgerinnen und Bürger der Stadt, konfessionell gebunden oder nicht, ein paar persönliche Gedanken zu einem Text der Bibel zu äußern. So ganz im Sinne des zu bejubelnden Reformators, der die Schrift ins Deutsche übersetzte, auf dass jeder sein eigener Prediger sein kann.
Umrahmt von Musik und ein bisschen Liturgie in Form einer Psalm-Lesung und dem gemeinsamen Gesang und Gebet, steht also ein absoluter Laie am Pult. Propst Hans-Wilhelm Hube hatte das vor vielen, vielen Jahren einmal eingeführt, indem er „Bürger auf der Kanzel“ in der Heiligen-Geist-Kapelle an der Lüneburger Straße „predigen“ ließ. Man darf also bis Oktober gespannt sein auf vor allem persönliche Einsichten und Erkenntnisse.

Rund 30 Besucher hörten zum Auftakt, zu dem Kantor Erik Matz Bach vor allem in C spielte,  Bürgermeister i. R., Otto Lukat, zu. Er hatte sich die zehn Gebote vorgenommen. „Ist das für einen Juristen so abwegig?“, fragte er rhetorisch im Gespräch. Nein, natürlich nicht. Lukat betonte seine Konfessionslosigkeit, unterstrich jedoch, dass er sehr wohl geprägt sei durch das so genannte „christliche Abendland“.
Die früheste Erinnerung an den Gegenstand seiner Erörterung gab es einst in Form eines Bildes in seinem Schulbuch. Eine altbekannte Abbildung: Moses, rauschebärtig, empfängt die Tafeln mit den Geboten.

St. Marien Orgelpunkt Eröffnung Lukat_bearb

Fotos: Barbara Kaiser

„`Du sollst` steht darauf“, sagte der Redner, „das ist Aufforderung, keine Drohung.“ Für ihn persönlich besäßen die Gebote in Verbindung mit der Nächstenliebe des Neuen Testaments eine zentrale Bedeutung für die kulturelle Entwicklung, bekannte Lukat. „Außerdem bin ich als Jurist angetan von der Kürze der Normen, des ersten Verfassungsentwurfs für das Zusammenleben eines Volkes.“

St. Marien Orgelpunkt Hoher Chor_bearb

Weil aber bei Verstoß die wenig kalkulierbare Strafe Gottes droht, müsse eine Gesellschaft, so Lukat weiter, ihre Gesetze formulieren. So kurz und knapp sei das allerdings keinem Strafgesetzbuch gelungen, was er am Beispiel des „Du sollst nicht stehlen“ bewies.
Im Gesetzbuch heißt es nämlich darüber: „Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Otto Lukat nannte die Verwirklichung der Forderungen der zehn Gebote „höchst aktuell“, zumal es nur im Frieden möglich sei, sie durchzusetzen. – In den vorgegebenen Minuten Predigtzeit kann der jeweilige Redner immer nur Denkanstöße liefern. Das sollte auf jeden Fall gelungen sein. Wie also halten wir es aus Luthers kleinem Katechismus mit dem „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden…“, „Du sollst nicht begehren deines Nächsten….“ oder „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Und vor allem: „Du sollst nicht töten“?
Barbara Kaiser – 19. April 2017

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