Zu jedem Stein eine Geschichte

Ein Gespräch über Grabsteine und Trauerkultur

Petra Meyn ist ein fröhlicher Mensch mit ansteckendem Lachen. Dass sie gern mit Menschen zu tun hat, ist schnell zu merken. Beruflich allerdings ist sie meist Ansprechpartnerin in traurigen Zeiten: Zu ihr geht, wer einen Grabstein braucht.
Im Steinmetz-Betrieb ihrer Familie, den der Schwiegervater Herbert einst aufbaute und den ihr Mann Michael übernommen hat, ist sie verantwortlich für die Gespräche mit den trauernden Familien, die auf der Suche sind, im sprichwörtlichen Sinne: Eine Erinnerung an geliebte Menschen in Stein zu meißeln.

„In einem Gespräch geht es zuerst einmal darum, Ideen zu sammeln – das ist ein ganz wichtiger Teil der Trauerbewältigung“, weiß Petra Meyn zu berichten. Man spricht darüber, welcher Mensch denn dort gestorben ist – mit seinen Vorlieben und Besonderheiten. Manchmal kann es dann auch lange dauern, bis die Vorstellung vom Grabstein wirklich stimmig ist. Meist gelingt das, weil Steinmetze eben nicht „nur“ ein Handwerk ausüben, sondern Künstler sind, die entsprechende Formen finden können: Steinbildhauer ist neben Steinmetz die zweite Berufsbezeichnung, die Michael Meyn trägt.
Grabsteine seien dabei auch immer Moden unterworfen, weiß Petra Meyn: Riesige Engel, große Granite, gar Mausoleen – „Prestigeobjekte wie vor 100 Jahren gibt es kaum noch“, stattdessen gibt es immer häufiger kleine Platten für Urnengräber. Wesentlich aber ist: Die Erinnerungsmale werden individueller und persönlicher. Längst geht es nicht mehr nur um die schlichte Platte, sondern um Raum für Eigenes. Beispielsweise habe man einmal die Statue eines Anglers gefertigt, erinnert sich Petra Meyn, der Verstorbene habe diesem Hobby eben leidenschaftlich gefrönt. Manchmal sind Tiere, oft Hunde oder Pferde, als kleine oder größere steinerne Begleiter oder auch Gravuren für den Friedhof gewünscht, manchmal auch Skurriles: „Eine Dame war einst in ihrem Dorf für ihr beständiges Laubharken bekannt – und deshalb wünschten die Angehörigen auch einen Rechen für ihr Grabmal“. Anrührend persönlich ist auch die Geschichte eines Feldsteines, den die Meyns bearbeiteten: Selbiger lag Jahrzehnte auf dem Hof eines Landwirtes und trug noch immer Schmisse, die ihm die metallenen Pflugscharen zugefügt hatten, nachdem der Landwirt Jahr für Jahr immer wieder beim Pflügen an den großen Findling auf seinem Feld gestoßen war. Nach vielen Jahren buddelte der Landwirt ihn aus, warf ihn auf den Hof – und stellte für seine Familie fest: Das werde sein Grabstein. Und so wurde es auch.

„Ich könnte zu jedem dieser Steine eine Geschichte erzählen“, sagt Petra Meyn und ja: Die Geschichten rund um den Tod und die Erinnerung der Hinterbliebenen sind genauso bunt wie jene des Lebens.                                 [Janina Fuge]

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