HOLZ-WEGE

Mit einem Amerikaner, einer Türkin, deren in Deutschland geborener Tochter und einer Chinesin sitze ich „beim Inder“ an einem Tisch, dessen dunkles Furnier auf den ersten Blick nicht zu erkennen gibt, aus welchem Holz er gefertigt ist. Die freundliche Plauderei in teilweise drei Sprachen lässt eine nähere Untersuchung des Möbels gerade nicht zu. Das Thema „Corona-Virus“, das zwar in aller Munde ist, nehmen wir gelassen, lassen uns nicht unnötig anstecken von der Angst vor Ansteckung. Die über vierhundert Jahre alten Wurzeln meiner niedersächsischen Ahnen sind es dabei nicht, die mich sturmfest und erdverwachsen machten. Nach nordisch-germanischer Mythologie wurde der erste Mensch auch nicht aus „deutscher“ Eiche, sondern aus Treibholz gebildet, aus an Land gespülter Esche. Ich bin, obwohl durchaus deutschstämmig, aus anderem Holz geschnitzt. „Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen“, heißt es in einem Lied mit jüdischen Wurzeln. „Der“ ist dabei ein Mensch, der sich auf Gott verlässt. Ein Mensch, der äußerlich nicht viel hermacht, der, wie ein Rebholz, ein Weinstock, nach dem Abholzen zu nichts zu gebrauchen ist als zum Verbrennen, aber zu Lebzeiten eben Leb-Zeiten hat, die über das eigene Glück hinaus auch anderen Freude machen können.

„Du stellst dich an wie der erste Mensch“, war früher öfters zu hören, wenn sich einer ungeschickt zeigte. Der erste Mensch bekam solches Kleinreden, mangels anderer Menschen, nicht zu Ohren. Er durfte kindlich-unbedarft und neu-gierig an Dinge und Geschöpfe herangehen – war allerdings auch etwas leicht zu verführen, wie im Schöpfungsbericht der Bibel zu lesen ist. Die Verlockung, vom Baum der Erkenntnis zu kosten, endete für Adam als Holzweg, als Sackgasse mit tödlichem „Ausgang“. Die Festtage im April und Mai, vom Tag der Arbeit abgesehen, erinnern an einen anderen Ausgang, den Weg ins Leben, in dem Gott den „Holzweg“ des Menschen korrigiert, ihn durch Jesus ans Holz, ans Kreuz, tragen lässt und denen, die das glauben, durch ihn das Leben schenkt.

„I´ve got no roots“ – „Ich habe keine Wurzeln“, singt Alice Merton im Radio und klingt ein wenig trotzig. Das Lied sei unter einem Eindruck von Verlorenheit entstanden, erklärte die Sängerin in einem Interview, die in ihrer Kindheit und Jugend vier verschiedene Heimatländer hatte und Heimat nun nicht an Orten, sondern an geliebten Menschen festmacht.

Vielleicht sind Sie in diesen Tagen der erste Mensch seit langem, der einem solchen „Verlorenen“ die Freude macht, ihm Aufmerksamkeit zu schenken, ihm Heimat zu sein, ihn auf einen grünen Zweig kommen zu lassen.

It´s Tru[mann]

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