Es darf auch gelacht werden

Über die Arbeit als Trauerbegleiterin

Die Angst vor dem Tod ist ja oft wenig anderes als die Liebe zum Leben. Für Aike Kohlmeyer jedenfalls ist das ein roter Faden, der sich durch ihr Leben zieht: dass Dinge zusammengehören oder gleichzeitig passieren, die oft so gegensätzlich scheinen.
Die 55-jährige Ebstorferin ist Bestatter-Meisterin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und ausgebildete Trauerbegleiterin. Letzteres begann vor etwa 25 Jahren – die Kinder waren klein, im Bekanntenkreis starben Kinder. Und ihre Angst war so allumfassend, dass die Lösung für sie hieß: unmittelbare Konfrontation, eine umfassende Sterbebegleiterin-Ausbildung im Hospizverein. Eine Ausbildung als Trauerbegleiterin beim Institut für Trauerbegleitung in Hamburg kam noch dazu. „Eine Woche lang haben wir uns bei letzterem mit der Planung der eigenen Trauerfeier befasst“, erinnert sich Kohlmeyer an diese „vielleicht intensivste Zeit meines Lebens“. Aber gewirkt hat es: Ihre Angst vor dem Tod ist anders geworden, akzeptierender – „und ich habe andere Prioritäten gesetzt im Leben“, sagt sie.

Als Trauerbegleiterin ist es Aike Kohlmeyers Aufgabe, Seelsorgerin im ureigentlichen Sinne zu sein: Sie sorgt sich um die Seele derer, die ihre Hilfe suchen. Anders als Kirchenvertreter greift sie nicht auf religiös-liturgische Rituale zurück, ihre Aufgabe ist: Zuhören. Reden. Erinnern. Eine Stütze sein. Ausloten, wer im näheren Umfeld vielleicht eine warme Suppe vorbeibringt. Oder einfach einmal in den Arm nehmen – was unter aktuellen Bedingungen natürlich fast unmöglich ist, zum großen Bedauern von Aike Kohlmeyer.

Dieses Begleiten kann dabei auch schon weit vor dem Tod eines geliebten Menschen stattfinden: Gerade bei Alzheimer- und Demenz-Patienten dauert der Abschiedsprozess oft Jahre. Alles hängt davon ab, was der Einzelne braucht: „Manche Menschen kommen beispielsweise noch lange zu den jeweiligen Jahrestagen zu mir. Manche brauchen Regelmäßigkeit. Manche jemanden, der zum Sterbezeitpunkt da ist. Und andere kann ich dabei unterstützen, eine Hilfe für die Alltagsaufgaben zu finden.“ Obwohl Aike Kohlmeyer immer wieder auch erlebt, wie schrecklich manche Abschiede sind und wie sehr sie dabei auch auf sich selbst aufpassen muss – sie lernt so viel über Menschen, sagt sie. Und immer wieder ist da diese eine Erkenntnis: „Jede Lebensgeschichte hat etwas ganz Besonderes“, so Kohlmeyer, zu deren Berufsfeld auch das Halten von Trauerreden gehört. Am Ende schließt sich in ihren Reden der Kreis und immer wieder geht es darum, an den Menschen mit all seinen Facetten zu erinnern. „Klar, bei Trauerfeiern darf deshalb auch gelacht werden – das sind dann die besten und stimmigsten“, weiß Kohlmeyer zu berichten. In jedem Fall ist für sie klar: „Trauer ist nie nur ein Gefühl, sondern ganz viel auf einmal: Traurigkeit, Erleichterung, Wut, da kann ganz viel zusammen kommen, oft auch völlig konträre Gefühle." Behutsam achtet Kohlmeyer dann immer darauf, dass zwar der verstorbene Mensch gewürdigt wird, aber auch die Bedürfnisse der Angehörigen eine Rolle spielen dürfen. Wie das Leben, so vielschichtig ist auch der Tod. Bei einer Trauerfeier im Wald beispielsweise erklang dröhnend aus den Boxen ein „Highway to hell" – alle Anwesenden fanden das stimmig. Und dass vorbeilaufende Jogger womöglich komisch guckten, bleibt ein Aperçu. Eines dabei macht für Aike Kohlmeyer jedoch stets den Kern des Tröstlichen aus: „Es gab immer auch gute Zeiten und schöne Erlebnisse. Und die bleiben. Solange man sich ihrer erinnert.“                   [Janina Fuge]

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