CORONA SCHAFFT KULTUR

„Und Kultur ist broodnodig. Punkt.“


Strahlender Sonnenschein, Vögel zwitschern, doch ansonsten wirkt das Gelände der Woltersburger Mühle wie ausgestorben. Normalerweise sind hier an einem Montagnachmittag rund 40 Personen anzutreffen, Seminarteilnehmer und Touristen noch nicht eingerechnet. Aber sogar Letztere fehlen heute, trotz allerbesten Ausflugswetters. Gemeinsam mit, zu einem Großteil, erwerbslosen Menschen, hat der Sozialarbeiter und Pastor Gerard Minnaard Gelände und Gebäude der alten Mühle in einem Uelzener Vorort wieder nutzbar gemacht. Das einzigartige Projekt bestehe heute aus drei Säulen, erklärt der Initiator mit der grauen Walle-Mähne: Der Arbeitslosenwerkstatt, dem Zentrum für biblische Spiritualität und Kunst. „Es gibt in Holland ein sehr schönes Wort“, verrät der 64-Jährige, „‚broodnodig‘. Wenn man’s buchstäblich übersetzt, dann heißt es ‚brotnotwendig‘, zwingend notwendig. Und Kultur ist broodnodig. Punkt.“ Darum bietet die Woltersburger Mühle, vor allem regionalen Künstlern, Ausstellungsflächen. Auch hat Minnaard schon zahlreiche eigene Kunstprojekte ins Leben gerufen, ob mit arbeitslosen Jugendlichen oder als 100.000 € teures Unterfangen mit professionellen Kreativen. Er selbst gehöre aufgrund seines Alters und einer Lungen-Vorerkrankung zur sogenannten gefährdeten Gruppe, erzählt er schmunzelnd. Gegenwärtig scheint das seine kleinste Sorge zu sein. Viel mehr beschäftigt ihn die Frage, wie er in der aktuellen Situation seine Mühle erhalten kann.
Das Gespräch mit Johannes Vogt-Krause muss ich am Telefon führen. Der 71-Jährige steht als erster Vorsitzender des ‚Vereins zur Förderung der Kunst im kreativen Speicher‘ für das Neue Schauspielhaus in Uelzen. „Wir sind ein Kleinkunsttheater.“, erläutert Vogt-Krause: „Kleinkunst wird manchmal mit kleiner Kunst gleichgesetzt. Stimmt nicht! Es ist eben auch große Kunst.
Nur findet sie in einem insgesamt relativ kleinen Rahmen statt.“ Im Neuen Schauspielhaus heißt das konkret: Rund 100 Zuschauer gleichzeitig können Formate wie Kabarett, Lesungen oder Konzerte erleben – unter normalen Umständen jedenfalls. Auch hier müssen mit jeder neuen Verordnung des Landkreises weitere Veranstaltungen abgesagt werden. Den besonderen gesellschaftlichen Beitrag, den das Neue Schauspielhaus und andere Kulturstätten leisten, sieht Vogt-Krause vor allem darin, dass das dort Dargebotene die Menschen anrege, zum Denken und zum Mitfühlen: „Die Kultur macht nachdenklich, amüsiert. Man lacht, man ist traurig. Und das alles mit anderen Leuten zusammen.
Ich glaube, dass die Kultur einfach auch einen wichtigen Beitrag dazu leistet, dass es eine Menschwerdung gibt.“
Nur allzu menschlich: Sebastian Meyers Unbehagen, weil er unser Treffen kurzfristig verschieben musste. In seiner Firma wurde der Betrieb so umgestellt, dass die Früh- und die Spätschicht einander nicht mehr begegnen. Er begrüßt mich, bereits in Arbeitshose – mit gebührendem Sicherheitsabstand, versteht sich. Sebastian „Zap“ Meyer ist der erste Vorsitzende des V.a.K.u.u.M.s in Bad Bevensen, eines Kulturvereins, der für gewöhnlich in seinen Räumlichkeiten am Bahnhof vor allem Musikveranstaltungen ausrichtet. Entstanden ist das Ganze einmal aus der Idee heraus, lokalen Bands eine Auftrittsmöglichkeit zu bieten – und eine ordentliche Gage. Jetzt, vier Jahre später, haben aber auch schon zahlreiche bekanntere Musiker hier auf der Bühne gestanden. Ebenso ist das Spektrum der Besucher breit. „Bei uns kommen die Leute von 8 bis 80. Das ist wörtlich gemeint. Wir haben wirklich schon alle Altersklassen hier gehabt und jegliche Musikrichtungen von Punk bis Gypsy-Swing.
Und davon lebt das Ding hier“, berichtet Zap Meyer begeistert.
Seiner Ansicht nach bringt Kultur denn auch vor allem die Menschen zusammen und „schweißt sie zusammen“. Das merke man derzeit genau daran, wie sehr einem diese Art der sozialen Kontakte fehle. Darin allerdings ist er sich mit Johannes Vogt-Krause und Gerard Minnaard einig: Die Maßnahmen, so ungünstig sie auch für die eigene Einrichtung sein mögen, seien notwendig und sinnvoll. Schwer trifft es an der Woltersburger Mühle vor allem die Gastronomie und den Seminarbetrieb: Das Café muss seit Mitte März geschlossen bleiben und auch für die kommenden vier Monate haben schon zahlreiche Seminargruppen abgesagt.
„Es wird schwierig werden, denn: Es geht schnell um viel Geld, wenn überhaupt nichts passiert, keine Einnahmen da sind, aber sieben Menschen bezahlt werden müssen. Die laufenden Kosten bleiben bestehen. Gut, da teilen wir das Schicksal mit vielen anderen in der Gastronomie und auch im Kunstbereich, Kulturbereich“, sinniert Minnaard. So zum Beispiel auch das des V.a.K.u.u.M.s. Johannes Vogt-Krause indes sorgt sich nicht so sehr um die Zukunft „seines“ Neuen Schauspielhauses wie um die der freischaffenden Künstler, die normalerweise dort auftreten: „Denen bricht von jetzt auf gleich ihr Einkommen weg.“ Es müsse auf jeden Fall etwas getan werden, damit diese Menschen auch nach der Corona-Krise weiter ihrem Beruf nachgehen können. Solange das Theater seinen Spielbetrieb eingestellt hat, werde hier erstmal ein gründlicher Frühjahrsputz gemacht, werden Anträge ausgefüllt und das erledigt, wozu man sonst nie gekommen ist.
Großreinemachen, das scheint gerade in den meisten kleineren Kultureinrichtungen angesagt zu sein – und die Ungewissheit, wann es wieder normal weitergehen wird, der ständige Blick aufs Konto, um zu sehen, wie lange es noch so funktionieren kann. Gerührt berichtet Zap Meyer von Spenden regelmäßiger Besucher: „Also, wir haben jetzt ganz viele 20- bis 30-Euro-Spenden erhalten mit dem Hinweis: Hätt’ ich ja auf der Veranstaltung auch ausgegeben.“ Auf genau solche Aktionen ist das V.a.K.u.u.M. und mit ihm nahezu der gesamte Kulturbetrieb aktuell angewiesen. So wird etwa vielerorts dazu aufgerufen, bereits gekaufte Eintrittskarten nicht zurückzugeben, sondern stattdessen in Gutscheine umzuwandeln oder den Gegenwert als Spende anzusehen. Denn die Politik hat zwar schon Hilfen zugesichert, bis die aber dort ankommen, wo sie so dringend benötigt werden, dauert es seine Zeit.
Gerard Minnaard hofft, dass wenigstens die Arbeitslosenprojekte der Mühle bald wieder ihren Betrieb aufnehmen können, „damit sich zumindest wieder etwas bewegt“. Die ehrenamtlichen Betreiber vom Neuen Schauspielhaus und dem V.a.K.u.u.M. sind sich ihrer besonderen Verantwortung den Gästen gegenüber bewusst, hoffen aber ebenfalls darauf, ihre Türen möglichst bald wieder öffnen zu dürfen, möglicherweise unter speziellen Sicherheitsvorkehrungen. Bis dahin heißt es Warten und Pläne schmieden für „die Zeit nach Corona“. Im und fürs V.a.K.u.u.M. sind zum Beispiel bereits Benefiz-Konzerte angedacht, verrät Zap Meyer. Heart Rock Café, Sir Bon und andere Bands aus dem Umfeld des Vereins hätten sich bereiterklärt, ohne Gage zu spielen, so wie damals in der Anfangszeit. Noch ist so etwas aber Zukunftsmusik.
Spenden sind es, auf die alle kleineren Kultureinrichtungen gerade dringend angewiesen sind. [Katharina Hartwig]

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