Zwischen Orient und Okzident

Ravel-Winterkonzert-Reihe im Schloss fand mit französischen Liedern ihr Ende

Was für eine zauberhafte Blume! Ein Wesen wie aus einer anderen Welt. Man denkt – vielleicht - an Rusalka, ist hingerissen und stumm vor Bewunderung. Sie singt hochdramatisch und anrührend schlicht, zart-zärtlich im Piano, kraftvoll-entschlossen im Forte. Sie braucht kein Textbuch, weil sie die Lieder lebt. Man liegt ihr als Zuhörer zu Füßen vom ersten Tone an!

Der Pianist Hinrich Alpers hatte für den Abschluss seiner Maurice-Ravel-Winterreihe im Schloss Holdenstedt Wallis Giunta als Partnerin an seine Seite geladen. Es wurde ein Abend der Extraklasse, an dem (natürlich) Ravel-Noten erklangen, aber auch seine Zeitgenossen, Freunde und der verehrte Lehrer Gabriel Fauré zu ihrem Recht kamen.

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Fotos: Barbara Kaiser

Unter dem Motto „L’Enigme eternelle – ewig ein Rätsel“ stand dieses letzte Konzert im Zeichen des französischen Liedes. Die wunderbare kanadische Mezzosopranistin, Jahrgang  1985, die derzeit an der Oper Leipzig engagiert ist und dort unter anderem den Cherubino in „Figaros Hochzeit“ singt, präsentierte einige der Hauptwerke Ravels, umrahmt und begleitet vom Liedschaffen dessen Vorbilder, Weggefährten und Schüler.

Beginnend mit Ravels sprühender „Shéhérazade“, die den ganzen  Zauber des Orient musikalisch ausbreitet, mit „L`Indifferent“ einen genauso  geheimnisvollen Jüngling beobachtet, schlug die Reise einen Bogen über Hector Berlioz’ „Les Nuits d’été“ („Sommernächte“) und einige Werke von Fauré. Mit den jeweils drei „Poèmes de Stéphane Mallarmé“ von Claude Debussy und Maurice Ravel stand einer der wohl größten musikalischen Zufälle des 20. Jahrhunderts im Programm des Abends: Beide Komponisten wählten aus Dutzenden Gedichten des Symbolisten Mallarmé jeweils drei Texte aus, von denen zwei dieselben waren.

Holdenstedt Ravel-Winter Liederabend Wallis Giunta1_bearbNeben einigen Liedern der Ravel-Freunde Manuel de Falla, Ralph Vaughan Williams, Francis Poulenc und Federico Mompou wurde mit Ravels „Mélodie hebraique“ der Versuch unternommen, „das ewige Rätsel“ zu lösen. Aber wer käme schon hinter den Sinn des Lebens? So singt der Text nur ein schlichtes „Tralalalalala“. Wallis Giunta interpretierte es mit entzückendem kokettem Charme. Beim vorangegangenen „Kaddisch“, einem der wichtigsten Gebete des Judentums, war die Sängerin dagegen seelenvoll, ganz in sich.

Auch wenn man der französischen Sprache nicht mächtig war, blieb dieses Konzert eins voller Eindringlichkeit und Wohllaut. Die biegsame Stimme von Wallis Giunta geriet nie auch nur in die Nähe angestrengten Übersteuerns. Auf den Punkt höhensicher entglitt das Crescendo nie in die Forcierung, sondern blühte mühelos auf in schwebender Leichtigkeit.

Holdenstedt Ravel-Winter Liederabend Wallis Giunta2_bearbHinrich Alpers stellte sich an diesem Abend ganz und gar in den Dienst seiner schönen, faszinierenden Partnerin; seine Begleitung am Flügel war behutsam, unterstützend oder zurückgenommen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, sich selbst zu profilieren.
Was er natürlich auch nicht nötig hat, denn sein Publikum folgte ihm durch diesen vergangenen Winter in das sehr spezielle Programm mit dem eleganten Franzosen. Dafür bedankte sich der Künstler artig, denn diese Spezialität „sollte uns ja nicht davon abhalten, sich damit zu beschäftigen.“ Die Musikwelt bestehe ja schließlich nicht nur aus Beethoven, Bach und Mozart; auch Ravel habe sein Leben lang hart gearbeitet, so Alpers in seiner Einführung.
Und weil ihm die Frage nach einer neuen Winter-Konzert-Reihe mehrfach gestellt worden war, enttäuschte er sein Publikum nicht: In der Saison 2017/18 wird es, die Zugaben machten Appetit darauf, zu Begegnungen mit Robert Schumann kommen.

Holdenstedt Ravel-Winter Liederabend Wallis Giunta3_bearbFür den Programmschluss davor hatten sich Wallis Giunta und Hinrich Alpers aus „7 Canciones populares Españolas“ von Manuel de Falla zwei Lieder aufgehoben. Und bei den Tönen des Andalusiers dachte man  nicht mehr an eine zarte, zerbrechliche Nixe, sondern an die rassige, selbstbewusste Carmen! Der Wirkung dieser Noten entzog sich keiner. Bravo!
Barbara Kaiser – 1. Mai 2017

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