Wessen Welt ist die Welt?

Theater „Die Baustelle“ Köln gastierte mit Brechts „Mutter Courage“ im Theater an der Ilmenau

Letzte Woche rechnete das zuständige UN-Kommissariat uns 60 Millionen Flüchtlinge weltweit vor. Jeder Einzelne dieses namenlosen und viel zu lange verleugneten Heeres flieht vor Hunger, Elend, Perspektivlosigkeit und Krieg. Jetzt stehen einige von ihnen vor unserer Haustür in Europa, dem Kontinent, der seit mehr als 150 Jahren fremde Völker kolonialisierte, Grenzen willkürlich zog und mit hohem Gewinn Ressourcen ausbeutet bis in die Gegenwart. Die vielen „Familien Courage“ sind reich geworden durch die Kriege, nur dass ihre Namen heute die Firmenlogos von Waffenproduzenten, Textilherstellern, IT-Konzernen, Banken und Chemiekonzernen schmücken. Und leider ist der Spruch „Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt“ nicht einer aus der ganz linken Ecke. Wie oft denken wir darüber eigentlich nach?

Das Theater „Die Baustelle“ aus Köln hat aus „gegebenem Anlass“ Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ in den Spielplan aufgenommen. „Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg in 12 Bildern“, so der Untertitel; entstanden 1939, uraufgeführt 1941 in Zürich. Jetzt war das Ensemble mit seiner engagierten Chefin Bettina Montazem, die auch Regie führte, damit im Theater an der Ilmenau Uelzen zu Gast.

Die Bühne blieb den gesamten Abend über leer. Nirgends der legendäre Marketenderinnenwagen. Ein dicker Strick, in den sich Mutter und Kinder Courage anfangs noch mit Leichtigkeit spannen, ersetzt das Gefährt. Die Inszenierung besitzt trotz fehlender Kulisse eine planvolle Choreografie, in der zuerst alle Beteiligten in wildem Chaos über die Bühne taumeln: Der Krieg wirbelt alles durcheinander. Die Courage aber tritt auf als fideler Mensch. Sie zieht nicht frontal in den Krieg. Sie kriecht, Gewinn machend, geschickt drunter weg und freut sich. Ihre Kinder sind bei ihr, sie weiß sie zu beschützen, das Messer am Gürtel.

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Fotos: Barbara Kaiser

Dabei ist Krieg – die Kostüme belassen die Handlung bei der Urfassung - eine Landplage, der mit allem menschliche Substanz vernichtet. Mutter Courage wird es erfahren. Denn „draußen im Raume“, wo sich „die Sachen stoßen“ (Wallenstein), bleibt man nicht Herr seiner Absichten. Jede Handlung verfehlt gewollte Konsequenz. Das vor allem lehrt jeder bewaffnete Konflikt.
Die Kölner Gäste führten die Schicksale erbarmungslos vor. Assoziationskräftig in den Szenen, wo jede Pose einfache Geste blieb. Die Akteure überraschten mit einem präzisen Spiel, die Regie mit einem gescheiten Minimalismus.

Die „Courage“ ist Brechts Paradestück für seine Theorie des Epischen Theaters. Der ihm eingeschriebene V-Effekt (Verfremdungseffekt) soll überraschen und provozieren, weil, so der Dichter, das Theaterpublikum „ohne Grund nicht denkt“.
Die Darsteller machten sehr deutlich, dass sie uns die Geschichte nur vorführen. Es sollte  keiner auf die Idee kommen, sich etwa mit irgendeiner Figur und ihrem Schicksal zu identifizieren. Denn das verhindert laut Brecht die nötige Erkenntnis, die er für die „Courage“ wie folgt formulierte: Die Aufführung solle hauptsächlich zeigen, „daß die großen Geschäfte, aus denen der Krieg besteht, nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Daß der Krieg die Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln ist“!

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Ganz stimmig war diese Theateridee in der Aufführung nicht. Beispielsweise erschien die Lichtregie als recht willkürlich. Bertolt Brecht hatte immer eine gut ausgeleuchtete Bühne gefordert. Dem verweigerte sich die Regisseurin. Hin und wieder ließ sie auch zu, dass das Geschehen zu sehr emotionalisierte, zum Beispiel wenn die blutüberströmte Leiche des Courage-Sohnes über die Bühne gezerrt wird. Ganz großer Schwachpunkt waren die Lieder, deren Text nicht im Publikum ankam. Das ist insofern fatal, weil deren Aufgabe, Verallgemeinerung, Verstärkung oder Lehre zu sein, sich damit nicht erfüllt. Ein Headphone hülfe dem sofort ab, zumal die Instrumentalgruppe (musikalische Leitung: Christoph Freier) manchmal ziemlich auf Akkordeon, Maultrommel und präpariertem Klavier krawallt.

mutter courage3Doris Otto ist Mutter Courage. Quietschvergnügt zu Beginn, am Ende hält die ihre tote Tochter Kattrin im Arm wie König Lear seine Cordelia. Sie verflucht den Krieg, dabei hatte sie ihn kurz vorher als profitbringend gefeiert. Spürte der Zuschauer die gegenwärtigen Fragen an das 70 Jahre alte Drama?
Den stärksten Eindruck hinterließ Julia Knorst als Kattrin. Wie sie sich freuen kann ohne Worte, wie sie Verzweiflung anzeigt – stumm, wie sie letztlich trommelt, eine ganze Stadt rettet und diesen Mut mit dem Leben bezahlt. Das ist Denkstück! Vor allem, weil die ängstlichen Bürger mit einem „Wir können nix machen, wir können nix machen gegen das Blutvergießen“ ihre Feigheit und Passivität zu entschuldigen gesucht hatten.
Verlässlich das gesamte Ensemble: Maximilian Pulst (Schweizer Kaas), Jasper Schmitz (Eilif), Richard Bargel (Koch), Frank Watzke (Prediger), Lena-Sabine Berg (Hure) und Markus Rührer (verschiedene Rollen). Glockenhell der Sopran von Lea-Johanna Montazem, leider absolut textunverständlich.

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Die Frage eines Theaterabends ist immer: Schaut die Regie auf zum Dichter und übersieht für uns die Realität; oder blickt sie hinab auf die Toten und erspart uns Zuschauern die Erkenntnis nicht, in einer grausamen Welt zu leben. Und: Wenn Regie Rhythmisierung, Zeitmaß und Sinn für die Verbindung der Szenen mit dem Ganzen ist, so besaß diese Aufführung all das. Bettina Montazem ließ die Zwischentexte zu Ort und Zeit der Handlung aus dem Off hörbar von einem Flüchtlingskind lesen, das seine ersten Schritte in der deutschen Sprache macht. Was für eine Symbolik!

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Die drei Stunden stürzten an keiner Stelle ab und - sie verweigerten Behaglichkeit.
Am Schluss standen auch die Toten wieder auf und alle Schauspieler schauten vorwurfsvoll ins Publikum. Können, dürfen wir an die Läuterung durch Wissen glauben? Ein Blick in diese Welt beweist, wer die Kriegsgewinnler sind. Haben wir Zuschauer es noch immer nicht verstanden? Nach 9/11 und dem Irak nicht. Nach Afghanistan nicht. Nach Syrien, Gaza, Jemen – Paris?
Vielleicht hat diese Theateraufführung globale Realität als Menetekel an die Wand gemalt? Dann hätte sie ihren Zweck erfüllt.
Barbara Kaiser – 19. November 2015

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