Wenn der Vater mit dem Sohne…

Neue Premiere im Jahrmarkttheater Bostelwiebeck

„Vatertag“ heißt die neue Premiere des Jahrmarkttheaters und ist nicht von Günter Grass, sondern vom Hausautor Thomas Matschoß. Der stellte sich mit Mike Schlünzen unter der Regie von Andrea Hingst auf die Bretter und zwischen zahllose Bierkisten (Ausstattung: Anja Imig). Weil davon auszugehen ist, dass hier trotzdem keine Bierwerbung stattfinden soll, strömte das Publikum wieder zu Hauf, sollte sich der Abend laut Programmheft doch um „alles, was Sie schon immer wissen wollten über Väter und Söhne“ drehen. Ob Sie es sich nicht zu fragen wagten, um sich an Woody Allen anzulehnen, sei jetzt hier einmal dahingestellt.

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Fotos: Barbara Kaiser

Vatertag – dieses in heimischen Gefilden absurde Schauspiel wandernder, penetrant fröhlicher und meist alkoholisierter Männerhorden. Vielleicht ein Relikt aus der Urzeit, in der Mann gemeinsam zur Jagd ausschwärmte oder später in den Krieg zog. Da war der Alkohol dann schon der Gefährte, auf der bronzezeitlichen Pirsch natürlich nicht.
Vatertag – natürlich in den USA erfunden (wo sonst), als Sonora Smart Dodd im Jahr 1909 für ihren Vater, Kriegsveteran und alleinerziehend mit sechs Kindern, einen Ehrentag reklamierte. Er wird gefeiert zwischen Südamerika und Kuba bis nach Thailand, sogar im Iran. In Russland heißt er „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“, ist am 23. Februar gesetzlicher Feiertag und wie der Titel verrät voller gesellschaftlicher Anerkennung. Bollerwagen-Züge gibt es dabei nicht, Wodka sicherlich auch.
Deutsche Statistiken sagen über den Vatertag, der seit 1934 (Obacht!) Feiertag ist, dass sich dann die Schlägereien mehren und die Verkehrsunfälle wegen Alkohols auf das Dreifache steigen.

vatertag4Aber eigentlich soll es ja im Jahrmarkttheater um Väter und Söhne gehen. Dazu gäbe es zwei Romane von Willi Bredel (1901 bis 1964), aber wer kennte die noch?
Thomas Matschoß stellt uns Vater und Sohn  als global agierende Wissenschaftler der vergleichenden Kulturanthropologie vor. Weltweit vernetzt und zu empfangen über Satellit in 198 Sprachen. Neuerdings in Schwyzerdütsch und Latein. Letzteres wegen des Papstes, der zu den 28 Millionen Followern gehört. Es lebe das Internet samt seiner sozialen Netzwerke!

vatertag6 Dann geht sie los, die Reise in den C2H5OH-Rausch, die gespickt ist mit Fakten und Floskeln, mit Lautem und Leisem, Brachialem und Anrührendem. Es werden Geschichten erzählt und Lieder gesungen, es gibt Vater-Sohn-Musik von Eric Clapton bis Udo Jürgens.
Beispiel: Aus Weimar meldet sich Johann Wolfgang Goethe mit seinem Beitrag zum Thema, „Der Erlkönig“. Während der Professor den treusorgenden Vater sehen will – „Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm…“ – insistiert der Sohn, dass das Kind nie machen darf, was es will. Mit den Erlkönig-Töchtern spielen beispielsweise und dabei erste Erfahrungen mit Sex sammeln. – Das ist herrliche Szene! Darauf muss man erstmal kommen.

vatertag3Bei Thomas Matschoß darf man als Zuschauer immer sicher sein, dass er auf so Abwegiges, Absurdes kommt. Mike Schlünzen, der Sohn, stand letzten Sommer als beeindruckender Hamlet (auch ein Sohn!) in Wettenbostel auf der Wiese. Er hat es nicht leicht – wie jeder Sohn in jedem Leben. Übrigens wie es jede Tochter  mit ihrer Mutter auch nicht hat! Aber wie er das Lied „O, mein Papa“ aus der Operette „Das Feuerwerk“ von Paul Burkhard anstimmt, so zart und voller Verehrung, das ist einfach wunderbar.

vatertag Ganz zauberhaft auch das Ratschlag-Lied eines Erziehungsberechtigten: „Junge, lädt dich ein Kannibale ein,/ bleib beim „Sie“ und geh früh heim…. Bist du bei Nazis zu Besuch, sag leise „Fuck you“, aber schreib`s nicht ins Gästebuch… Junge, wir machen uns Sorgen um dich, die Welt ist aus den Fugen./ Junge, wir denken so oft an dich. Täglich. Melde dich!“

vatertag7 Es war wieder ein witzig-weitgeistiger Jahrmarkttheater-Abend, der von wärmender Intelligenz genauso lebte wie mit der manchmal bloßen Konversation, aus der nichts entsteht. Aber die zwei Schauspieler können auch spielen, was man nicht sieht: Atmosphäre und Zwischentöne. Diese Augenblicke sind zwar selten, aber dann umso nachhaltiger (siehe oben).
Wenn Matschoß die Geschichte von Gerhard aus Schlesien im Jahr 1930 (!) erzählt, der sein Abitur gemacht hat, aber aus finanziellen Gründen nicht Jura studieren kann; der sich, als er es erfährt, hemmungslos besäuft und sich in einer Truppe wiederfindet, die es ihm grölend gleichtat mit dem Alkohol, er sich dort aber zu Hause, aufgehoben, fühlt – dann wissen wir  Zuschauer, was kommen wird in den historischen Folgejahren.

vatertag5„Vatertag“ ist durchsetzt mit solchen Geschichten, Abenteuern und Anekdoten, die Heiterkeit, Ruhe, Leichtigkeit, aber auch Nachdenklichkeit verströmen. Eine Lust an der Plauderei reibt alles aneinander, nicht um gültige Wahrheiten, sondern um Lebensklugheit zu finden; und zu verteidigen mit Spaß, Witz und Ironie.
Wieder auf dem Spielplan steht der „Vatertag“ erst am Freitag, 26. August 2016, 19.30 Uhr. Alle Veranstaltungen im April und Mai sind ausverkauft. Die Augustaufführung findet in der Reithalle Wettenbostel im Rahmen des Sommer-Theater-Openairs, das sich in Vorbereitung befindet.
Barbara Kaiser – 16. April 2016

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