Sinfonische Erzählung

Kulturverein Bevensen lud zum Neujahrskonzert mit Gustav Mahlers 3. Sinfonie

So richtig geheuer kann dem Komponisten sein Werk auch nicht gewesen sein. Schrieb er doch dazu: „Meine Symphonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat! Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme… mir ist manchmal selbst unheimlich zumute bei manchen Stellen…“ Gustav Mahler und seine dritte Sinfonie in d-moll! Sechs Sätze! Einhundert Minuten! Große Besetzung, Solostimme und zwei Chöre! Als Neujahrskonzert erklang sie jetzt im Kurhaus Bad Bevensen, gespielt vom Wendland-Sinfonie-Orchester (WSO) unter der Leitung von Felix Bender.

Ein typisches Neujahrskonzert mit Strauß, Offenbach, Lehár & Kollegen war das in Bad Bevensen noch nie. Radetzkymarsch hin oder her – wer sich ins Kurhaus setzte, erlebte kein locker-leichtes Tralala in Champagnerlaune wie anderswo. Im Jahr 2017 setzte nun der Ehrgeiz ausschließlich Mahlers Mammutwerk auf den Programmzettel. Das war Herausforderung. Für den Klangkörper und das Publikum (im trotzdem fast ausverkauften Haus).

Der erst 30-jährige Felix Bender verabschiedete sich mit diesem Auftritt von seinem Publikum in der Kurstadt und dem WSO. Seine Verpflichtungen, die ihn inzwischen zum Generalmusikdirektor der Theater Chemnitz erhoben – er gewann die Ausschreibung unter 180 Bewerbern! -, lassen ihm keine Zeit mehr für diese Arbeit.
Man muss diesem jungen Dirigenten mehr als nur eine Träne nachweinen, denn er hat den Klangkörper, den er in seinen Dankesworten „ein ganz besonderes Orchester“ nannte, vorangetrieben und vor immer neue Herausforderungen gestellt. Bender ist ein Klanggestalter und ein Enthusiast. Er dirigiert mit großen, weichen Bögen, die alles zusammenhalten und glasklare Einsätze geben. Er scheint seine Musiker zusätzlich umarmen zu wollen und er liebt sein Orchester offensichtlich. Und das liebt heftig zurück!

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Fotos: Barbara Kaiser

Nun also 100 Minuten Gustav Mahler. Bei der Uraufführung im Jahr 1902 war sich die Kritik einig: Es sei keine bloße Feier, sondern eine Huldigung gewesen. Arnold Schönberg bescheinigte Mahler, er habe die „rücksichtsloseste Wahrheit“ vertont und in seine Seele blicken lassen. Die Sinfonie trägt den Untertitel „Ein Sommermittagstraum“, die sechs Sätze stehen für diverse fiktive Erzählungen.

Das WSO zog alle Register sinfonischer Geschlossenheit. Makellos die Mezzosopranistin Alexandra Ionis in Satz vier mit dem Text von Friedrich Nietzsche. Fröhlich die zwei Chöre in Satz fünf: Der Kinderchor der Musikschule Hannover und der Frauenchor Hannover.
Es war ein tosender Abend. Der Ausführlichkeit ließ Bender auch Maß und Knappheit. Er balancierte mit dem Orchester zwischen Überwältigung und Zurückhaltung und reflektierte so, dass einem das (Mit)Hören nicht verging.

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Kinderchor Hannover

Die Musiker ließen den Pan erwachen und den Sommer einmarschieren. Dieser erste Satz hat eine Fülle an Motiven, deren Entwicklung ganz langsam in Gang kommt und über ein chaotisches, auch dissonantes Klangbild in Jubel und Triumph endet. Ein Chapeau für alle! Das Blech und überhaupt alle Bläser mit Mut zum Risiko – wie das live eben so ist. Wunderbare Streicher.
Ein durchsichtiges, zartes Thema in Satz zwei – die Blumen auf der Wiese erzählen. Die Oboe als Schalmei, pastorale Idylle. Satz drei, die Tiere kommen zu Wort, ein aufsteigender Vogelruf und ein zu Herzen gehendes Trompetensolo, das das Schlaflied „Heidschi bumbeidschi“ intoniert. Es wird im Hohnklang enden.
Satz vier und fünf – was der Mensch und die Engel erzählen – wenden tiefe Ratlosigkeit, der Alexandra Ionis auf den Text „Oh Mensch! Gib Acht! Was spricht die tiefe Mitternacht?“ klangschönen Ausdruck gab, zum chorischen Bim-Bam-Seelenheil. Und Satz sieben ist das wunderbarste Adagio darüber, was die Liebe erzählt.
Für den Komponisten war Gott die Liebe. Sein d-moll wird am Ende ein D-Dur sein, das Liebesthema, das sich auch nach dreimaligem instrumentalem Zusammenbruch erhebt zu einem der prächtigsten Sinfonie-Abschlüsse, die es gibt.

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Alexandra Ionis

Das WSO musizierte mit Biss, aber nie verbissen. Grandios dynamisch oder wehmütig leise brachten sie unter ihrem Dirigenten alle versteckten Details zum Blühen. Es war eine große sinfonische Erzählung – dröhnend und bedenkend, zweifelnd und triumphierend.
Trotz dieser Riesenbesetzung hielt Felix Bender einen kammermusikalisch verwurzelten Wohlklang bei, mit Kühnheit und frei von virtuosen Effekten. Nie erlaubte er seinem Orchester akademische Blasse oder nur naive Spielfreude, er setzte auf das Bewusstsein für Spannungs- und Formverläufe.

 

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Es war kein tobender Beifall am Schluss. Aber er kam langanhaltend und dankbar. Vielleicht in dem Bewusstsein, dass dieser Musikabend hin und wieder als funkelnder Solitär aus dem Alltag hervorleuchten wird.
Barbara Kaiser – 5. Januar 2017

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