Sich aufmachen – unterwegs bleiben

Jahrmarkttheater eröffnete die Open-Air-Saison mit „Schwundregion 3000“

Das Leben ist kein Spiel. Obwohl es Komödie und Tragödie ist, es durchlebt und durchlitten wird und die Frage nach dem Sinn des Da-Seins oft unbeantwortet oder den Philosophen überlassen bleibt. Trotzdem wird in Wettenbostel in diesem Sommer gewürfelt, was das Zeug hält. Das Publikum darf, angefeuert von den Spielmachern, aktiv werden und mit den in Blau, Gelb, Rot und Grün steckenden Spielfiguren leiden - wenn sie auf Anfang zurück müssen. Oder ihnen zujubeln - wenn sie viele Felder vorwärts gewinnen. Die personifizierte Spielregel (Axel Pätz, auch an den Tasteninstrumenten) wacht über einen Abend, an dem Siine Behrend, Olga Prokot, Peter Neutzling und Mike Schlünzen die kommandierten  Männeln (sächsisch!) sind, und Andreas Furcht, Jo Kappl, Tahere Nikkhoyemehrdad und Yvonne Disqué die sie und das Publikum betreuenden Begleiter.

Es ist wieder Sommertheaterzeit im Landkreis, was heißt, es geht meist poetisch und heiter zu. Das Jahrmarkttheater eröffnete die neunte Open-Air-Saison, lüftete die Vorhänge (auch wenn es die im Stammhaus Bostelwiebeck gar nicht gibt), schreitet größere Bühnen-Räume aus. Immer auf der Suche nach Geschichten. Denn die wollen Thomas Matschoß, seine Frau Anja Imig (wieder zuständig für die reizende wie einfallsreiche Ausstattung) und sein Ensemble stets erzählen. Geschichten mit Identifikationsangebot. Zum Lachen – ganz oft. Zum Weinen – manchmal auch. Zum Nachdenken – in jedem Fall.

Wettenbostel Schwundregion Los geht`s_bearb

Fotos: Barbara Kaiser

In diesem Jahr würfeln alle um unser Zuhause, um die Zukunft dieser dünn besiedelten Region Heide, der „Schwundregion“. Sie spielen mit einem Was-wäre-wenn und fragen nach dem Was-könnte-sein.
„Ja, die Figuren in dieser Welt,/ die wollen immer schnell ans Ziel./ Es geht um Ehre, es geht um Geld,/ und es ist alles nur ein Spiel.“ So singt`s im Auftaktlied, aber wir wissen es: Es ist nicht nur Spiel. Also Obacht!
Es geht über 57 Felder mit Überraschungen, Ereignissen, Aktionen und Herausforderungen. Ein Mutant aus Mensch-ärgere-dich-nicht und Monopoly. „Es kann nur einen Sieger geben, so läuft das Spiel des Lebens eben./ Drum bleib nicht unten kleben!“ Weil „Zweiter sein richtig Scheiße“ ist.
Das ist Kapitalisten-Moral. Das ist nicht Thomas Matschoß! Der nämlich vermag sich stets „gegen die Ungunst der realen Verhältnisse“ zu behaupten. So, wie es Freud sich vorstellte: Mit Musik, durch ein Lächeln.

Wettenbostel Schwundregion Kapital-Gewinner_bearbDann geht es los. Der routinierten Bebilderung fehlt nicht die theatralische Ambition. Das Stück ist eine Liaison von Philosophie und Comedy; gegen Ansichten, die Moral singen, aber in Wirklichkeit Geld meinen. Matschoß richtet sich seine Stücke immer so ein, dass er in dessen Botschaft er selber sein kann. Das mag man Egoismus nennen, aber nicht Ego-Trip. Er lässt auch mit der Schwere spielen, tut aber so, als ob es leicht fiele.

Da darf der blaue Spieler als Herausforderung einigen Rentnern erklären, warum aus einer Kindereinrichtung in Ermangelung des Nachwuchses jetzt ein Fitness-Studio für Alte wurde. Opa Eugen will schaukeln, was er schon als Kind gerne tat. Bis an die Wolken, die so weich sind, dass man schon durch die Berührung glücklich wird. Und dann dort einschlafen. Ganz leicht…  Das ist zum Beispiel eine der anrührenden Szenen, denn natürlich versteht der Zuschauer sofort, dass es um den Wunsch geht, wie Opa sterben will: Ganz leicht.

Wettenbostel Schwundregion Opa Eugen will schaukeln_bearbDieses Switchen von fröhlich zu nachdenklich, von Kasperei zum Erschrecken – das macht das Jahrmarktheater meistens aus. Da ergibt der „Future-Check“ eines ererbten Stück Lands, dass kein Mensch so viele Bio-Zucchini braucht, wie der Bauer dachte. Dass die Windräder 43 Rotmilane in drei Jahren schredderten und dass das kontrollierte Verwilderungsprojekt in 100 Jahren den Bewohnern vom Alpha Zentauri als Naherholungsgebiet dienen wird. Weil die Menschen das Problem waren auf dieser Erde, mit all ihrer Gier nach Geld und Macht, gibt es sie nicht mehr. Im hier herrschenden Ameisenstaat 2116 ist übrigens ein bedingungsloses Grundeinkommen selbstverständlich!

Wettenbostel Schwundregion Globailiserung_bearbMatschoß führt seine Zuschauer durch die Plapperei der Talkshows, erklärt die Globalisierung und was sie mit uns machen wird und enthüllt uns das Gebaren der Banken. Wenn er erklären lässt, wie die gegenwärtige Flüchtlingssituation auch ausgehen könnte, wird dem Zuschauer kalt vor Angst.
Das Ensemble spielt sich mit Ideenaufwand, Lustaufwand und Kraftaufwand durch zweieinhalb Stunden. Krachend und mutig weich, Essenz von Wirklichkeit hervorfunkeln lassend und dieser Welt mit bezwingender Freundlichkeit Helligkeit zusprechend.

Wettenbostel Schwundregion Talkshow_bearbDenn am Ende werden die Spielemännchen und die Spielemacher sich nämlich nicht „bis aufs Messer bekämpfen“, wie es die „Spielregel“ vorsieht, sondern sie werden widersprechen und – sich verbünden! Es gibt keinen Kapitalistenschluss, da mögen die Banker noch so sehr locken. Es wartet auch keine erschöpfende Ergebnislosigkeit auf das Publikum. Nein! „Du bist am Leben, jetzt und hier, jetzt und hier, jetzt und hier!“

Wettenbostel Schwundregion Banker_bearb

Gott würfelt nicht, dieser Ausspruch wird Albert Einstein zugeschrieben. Die Moral der Geschichte im Jahrmarkttheater: Wir haben es in der Hand, ob diese Welt noch kälter wird und letztlich untergeht – was keineswegs nur meteorologisch gemeint ist. Oder ob die Menschen guten Willens zusammenstehen für eine bessere, gerechtere Gesellschaft. Mit bedingungslosem Grundeinkommen – wie im Ameisenstaat!
Es mag keine Lösungsversuche ohne Hilflosigkeit geben, aber beginnen müssen wir. Gemeinsam. Das ist die Botschaft dieses Abends in Wettenbostel, ganz ohne pädagogischen Zeigefinger übrigens, denn das Jahrmarkttheater versucht immer auch, animierender Widerstandsort zu sein, nicht „Serviceunternehmen“, wie es Frank Castorf in einem Interview letztlich beklagte.

Wettenbostel Schwundregion Finale_bearbDie letzte Ausgelassenheit, die große bedenkenlose Fröhlichkeit fehlt dem Abend. Vielleicht ist das Thema dafür zu ernst. Denn so, wie die Truppe ihr Spiel vorführt – deutlichkeitsemphatisch und bilderwuchtend -  muss man Ähnlichkeiten zum Leben befürchten. Auf selbstgewisse Antworten hat Thomas Matschoß trotzdem nie ein Abonnement.
Barbara Kaiser – 29. Juli 2016

Gespielt wird die „Schwundregion 3000“ an den Wochenenden 5./7., 12./14., 19./21. (freitags bis sonntags) und 27./28. August. Samstag und Sonntag, immer 19.30 Uhr.
Kartentelefon: 05807/979971, www.reservix.de oder karten@jahrmarkttheater.de

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben