„Seht, wozu wir Menschen taugen!“

Gedanken zur „Hamlet“– Inszenierung der achten Jahrmarkttheater-Saison in Wettenbostel

Agiert wird auf einem Schiff, das neben der Pferdekoppel auf der Wiese gestrandet steht. Allein diese Bühne ist symbolisch aufgeladen, sind die Planken des Einmasters doch normalerweise schwankende. Kein fester Boden unter den Füßen. Weil jedoch Regisseur und Autor Thomas Matschoß  immer mit Blick in die Welt arbeitet, darf der Zuschauer getrost davon ausgehen, dass dieses Boot eins der zahllosen darstellt, die den gefährlichen Weg übers Mittelmeer nehmen. Hier wie da: Am Ende sind viel zu viele nicht mehr am Leben….

Das Jahrmarkttheater Wettenbostel eröffnete die Sommersaison mit „Hamlet – ein Mordspiel“. Obacht! Nicht „Mordsspiel“ - weil das nach schenkelklopfendem Kracher klänge. Es ist aber ernst. Todernst.
„Wir spielen `Hamlet` zu diesem Zeitpunkt“, hatte Thomas Matschoß auf Nachfrage geantwortet, „weil auch uns `die Welt aus den Fugen` geraten ist. Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung scheint immer mehr eine Handlungsoption zu sein.“ Nicht nur vor 400 Jahren für den Dänenprinz des Dichters, sondern auch in der Gegenwart, die 37 Kriege und bewaffnete Konflikte listet.

Deshalb hat das Jahrmarkttheater seinen „Hamlet“ einmal umgerührt, durchgeschüttelt und ergänzt. „Welcome, welcome to the greatest show on earth“, lautet das Eröffnungslied (Musik: Markus Voigt), das uns einen Spiegel hält: „Seht, wozu wir Menschen taugen/wenn die Schicksalswinde wehn…Kommt und fühlt mit Feuerherzen/dass es kein Entrinnen gibt.“
Stellen wir uns also dem wohl blutigsten Drama Shakespeares. Blutig wird es auch in Wettenbostel zugehen. Mitzudenken wäre: In dieser kriegerischen Welt der Gegenwart ist es kein Theaterblut, das vergossen wird!

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Fotos: Barbara Kaiser

In der wiederholt wunderbaren Ausstattung von Anja Imig, die schon farblich demonstriert, wer hier zusammengehört, spielt das Ensemble mal leise, mal grell und öffnet auch den Blick ins Unterbewusstsein westlicher Wohlstandsbürger, wo Angst und Aggressivität lauern. So werden sich Laertes (Peter Neutzling hätte man gern als liebevollen Bruder) und Hamlet am Ende nicht etwa standesgemäß mit dem Degen duellieren, sie werden  prügeln und treten wie die schlimmsten Nazi-Schläger.
Mike Schlünzing spielt die Titelrolle. Sein Hamlet ist trauriger Clown einerseits, der an der Welt, die er sucht und lieben will, verzweifelt; andererseits ist er der Racheengel, dem das verbohrte „Sein oder Nichtsein“ keinen dritten Weg eingeben will. Die Suche nach Ausgleich und Kompromiss vielleicht?

Das Jahrmarkttheater ist immer ein leidenschaftlicher Versöhner von Drama und Show, von Klassiker und Revue. Dabei sucht es stets, mit unaufdringlich klugen Mitteln, Wahrnehmung zu irritieren. So verrät das Ensemble auch im Klamauk keinen Augenblick die Aufführung an parlierende Oberflächlichkeit.
Vielleicht sind die sexuellen Anspielungen manchmal überflüssig, aber bedenken wir, dass das Shakespeare-Theater so lose war und das Volk das wahrscheinlich johlend beglaubigte.

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Einen schönen Auftritt hat die Schauspielertruppe, mit der Hamlet Mutter und Onkel des Vater- und Gattenmordes überführen will. Ein ansehnliches wie charismatisches Paar ganz in Weiß, dieser König von Andreas Furcht und Susanne Elisabeth Walbaum als Königin Gertrud. Und dass Matschoß hier den Komödianten mit seiner Graf-von-Monte-Christo-Inszenierung kokettieren lässt, passt wunderbar. Weil Edmund Dantes` „Tod und Rache an den Verrätern“ auch dem Hamlet gefallen muss. Und sogar seine Lieblingsmaxime von George Tabori bringt er im Text unter: Das Theater solle den Zuschauer an den Rand des eigenen Lebensabgrundes schleudern….

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Thomas Matschoß

Maika Viehstädt ist eine zauberhafte Ophelia mit aller zu Gebote stehenden Sinnlichkeit, die mehr zu ihrem Bruder Laertes passte. Warum dieses selbstbewusste Mädchen ausgerechnet dem melancholischen Prinzen anhängt und sich das Leben nimmt, versteht man ja sowieso in keiner Aufführung!

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Kammerherr Polonius darf Mausgrau tragen, immerhin aber Frack. Martin Skoda gibt ihn als eilfertigen Diener seiner Herren, der auch die Liebe seiner Tochter Ophelia denunziert. Sein Gewusel und Buckeln und die Beflissenheit – eine Studie, beflaggt mit Untertanengeist.
Leon Gärtner und Anna Sinkematt  als Rosenkranz und Güldenstern hat die Regie die Falschheit abgenommen, sie sind die fröhlich-arglosen Musikanten an Geige und Flöte und so richtig haben sie den Tod wirklich nicht verdient. Kollateralschaden?
Manuel Ettelt (2008 der Herzog Orsino in „Was ihr wollt“) ist der treue Horatio, die Vernunft selbst. Ihm gehört deshalb das letzte Wort!

Nein, kein „Der Rest ist Schweigen“-Schluss eines Hamlet, der sie alle – mehr oder weniger beteiligt - in die ewigen Jagdgründe geschickt hatte mit seiner unstillbaren Gier nach Rache. Polonius, Ophelia, Rosenkranz und Güldenstern, Laertes, den Onkel, seine Mutter. Es ist ein Blutbad, wie wir wissen. Aufklärung? Ließ sie je Geschichte klarer werden? Wissen? Wird die Welt klüger? NeuGier? Immer nur die Gier nach Geld und neuer Macht!

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Und deshalb geht das Ende bei Thomas Matschoß wie folgt:
„Räche meinen Mord!“, ruft der Chorus. „Und so weiter“, erwidert Hamlet. „Räche meinen Mord!“ – „Und so weiter.“ „Räche meinen Mord!“ – „Und so weiter. Der Rest ist Schweigen…“  Hier darf Horatio Widerspruch anmelden: „Nein! Was ist der Mensch/ wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut/ Nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter./ Gewiss, der uns mit solcher Denkkraft schuf,/ Voraus zu schaun und rückwärts, gab uns nicht/ Die Fähigkeit und göttliche Vernunft,/ Dass ungebraucht sie in uns schimmele?“

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Interessanterweise sind diese letzten Worte dem Monolog Hamlets entnommen, der so endet: „O von Stund an trachtet/Nach Blut, Gedanken, oder seid verachtet.“ (IV/4)
Für Thomas Matschoß ist das keine Lösung, diese Spirale aus Tod und Gewalt. Sein „Hamlet“ ist der Gedankenanstoß, dass es anders kommen MUSS, weil wir doch vernunftbegabte Wesen sind.
„Das Mordspiel ging immer weiter… Wir hätten die Hand zur Versöhnung reichen sollen“, klagt Horatio uns. „War`s das, was Ihr zu sehn begehrt?“ Es scheint, dass diese Welt noch nicht genug hat von diesen Mord-Spielen. Nur, dass es keine Spiele sind, sondern bittere, anscheinend endlose, blutige Wahrheiten. Und so bleibt dieser Shakespeare quicklebendig, indem er mit uns tauscht: Text gegen Erfahrung.-
P.S.: „Es ist kein Spiel“, hatte der griechische Finanzminister dem EU-Gruppenchef erwidert, als dieser die Geduld mit dem Ringen der Linksregierung um sozialere Bedingungen für ihr Volk verlor und „The game ist over“, sagte. Nein, es ist kein Spiel. Es geht immer um Menschen.

Weitere und andere Aufführungen der freien Bühne bis Ende August und Kartentelefon siehe www.jahrmarkttheater.de
Barbara Kaiser – 31. Juli 2015

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