Romantik und Olé!

Wendland-Sinfonie-Orchester spielte fröhliches Pfingstkonzert in Bad Bevensen

Das Wendland-Sinfonie-Orchester (W.S.O.) ist ein ganz besonderer Klangkörper, weil in ihm Laien spielen, sich aber dennoch ambitionierte Repertoires vornehmen. Offenbar aber spielen zunehmend auch Musikstudenten mit, denn äußerlich ist das Orchester über die Jahre immer jünger geworden. Die Musiker sind, was ein Blick ins Programmheft beweist, zwischen Hamburg und Konstanz, Schwerin, Hannover, Rostock, Darmstadt, Potsdam und Dresden zu Hause. Zu Pfingsten waren sie – nach dem traditionellen Neujahrskonzert – das zweite Mal in der Kurstadt zu Gast und spielten ein großes romantisches Programm.

Als Solistin debütierte Jessica Kaiser mit Joaquin Rodrigo (1901 bis 1999) und dessen „Concerto de Aranjuez“, einem Konzert für Gitarre und Orchester. Am Pult stand - nun schon  im siebten Jahr - der wunderbare Felix Bender, Richard Wagners Ouvertüre zu „Lohengrin“ und Robert Schumanns „Frühlingssinfonie“ (Nr. 1 B-Dur op. 38) schwungvoll in Szene setzend.

Bevensen Pfingstkonzert WSO FelixBender-Jessica Kaiser_bearbGlaubte man, das W.S.O. hätte in den Zeiten mit seiner französischen Dirigentin (Marion Leleu, 2005 bis 2009) einen hörbar großen Schritt nach vorn gemacht was Timbre und Gestaltung angeht, so erweist sich Felix Bender als weiterer Glücksfall. Der 30-Jährige mit einer bereits beachtlichen Karriere ist ein Dirigent äußerster Präzision und Konsequenz, dem dabei die Freude am Musizieren noch anzusehen ist, die er auf jeden Einzelnen im Ensemble wie nebenbei zu übertragen scheint. Auch deshalb war das Konzert im Theater an der Lindenstraße auf Einladung des Kulturvereins der Stadt eine agile, spielfreudige Angelegenheit.

Bevensen Pfingstkonzert WSO Felix Bender_bearbIm ersten Teil ging die Musik auf Zehenspitzen: Wagners „Lohengrin“, uraufgeführt unter Franz Liszt im Jahr 1850 in Weimar, ist sein erstes durchkomponiertes Musikdrama, in dem das Leitmotiv Seelenleben offenbart. Die Ouvertüre dazu sind leise, sphärische Streicherklänge, suggestiv schön, die sich zu einem pulsierenden Energiestrom-Crescendo steigern, in dem auch das Blech nicht erschrecken macht. Friedrich Nietzsche hat diese Noten „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“ genannt. Auf jeden Fall spielte das W.S.O. sie so, dass die Sehnsüchte und Ahnungen einen einhüllen – armer Schwanenritter!

In Programmpunkt zwei wurde es spanisch. Jessica Kaiser (*1993) erweiterte mit diesem Gitarrenkonzert die Klanggewohnheiten und das Klangverständnis ihres Publikums aufs Schönste. Uraufgeführt wurden die Noten im Jahr 1940 in Barcelona, die drei Sätze beschreiben die Gärten des königlichen Palastes von Aranjuez.

Bevensen Pfingstkonzert WSO Jessica Kaiser_bearb
Der Fandango des erstes Satzes (Allegro con spirito) besaß emotionale Reißkraft, der Sechsachteltakt kam feurig, federnd und elegant daher. Das Adagio von Satz zwei: Ein zerbrechliches, zärtliches Beben. Sein h-moll  soll eine Klage über des Komponisten totgeborenen Sohn sein. Der dritte Satz (Allegro gentile) switcht nach H-Dur und erklingt im Stil eines höfischen Tanzes (Rodrigo wurde 1992 in den erblichen spanischen Adelsstand erhoben!). Der unregelmäßige Takt und die Rhythmuswechsel wurden durch die Solistin poesievoll ausgedeutet und hatten atmosphärischen Glanz. Das Orchester besaß bei diesem Programmpunkt den schönsten Sound, homogen und voll erblühend.

Nach der Pause kam der Frühling mit Robert Schumanns Sinfonie Nr. 1. „In feuriger Stunde“ sei die geboren, sagte der Meister selbst, der sie 1841 aufschrieb. Die poetische Anregung dafür war eine Gedichtzeile von Adolf Böttger: „O wende, wende deinen Lauf/ Im Tale blüht der Frühling auf“, heißt es darin. Die ehemaligen Satzbezeichnungen belegen schwelgende, drängende, blühende Natur und menschliches Hochgefühl. Später machte der Komponist aus „Frühlingsbeginn“ ein Andante un poco maestoso, aus „Abend“ ein Larghetto, aus „Frohe Gespielen“ ein Scherzo und aus „Voller Frühling“ das abschließende Allegro animato e grazioso.

Bevensen Pfingstkonzert WSO Applaus_bearb
Felix Bender erschloss mit seinem Orchester diese Sinfonie eindrucksvoll, mit Deutlichkeit und Leidenschaftlichkeit im Ausdruck. Vielleicht nicht immer meisterlich (Bläser), aber frisch und mutig, fröhlich und direkt. Das Larghetto aufreizend unsentimental, Töne wie Farben, Farben wie Düfte.
Dieser große Klangkörper spielte oft mit kammermusikalischer Feinheit, machte spannendste Pausen und ließ die Instrumente in schönster Einzelleistung Strukturen klar hörbar darbringen (Holzbläser). Man war immer auf dynamische Graduierung bedacht und hielt alles in anregendem Gleichgewicht. Vor allem gab es keine zu schleppenden Tempi.
Es war ein schöner Konzertabend, der den langen Beifall an seinem Ende mehr als verdiente.
Barbara Kaiser - 18. Mai 2016

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