Mit Pianokunst und Fortekraft

Robert Bily beschloss den zehnten Jahrgang der „Jungen Pianisten“ in Medingen

Den Musiker, der die 2016er Reihe „Junge Pianisten“ am Wochenende im Kloster Medingen beendete, quälte eine so schlimme Erkältung, dass auch sein Gehör in Mitleidenschaft gezogen worden war. Das musste er beim Einspielen am frühen Abend erschrocken feststellen. Was Robert Bily dennoch aus seinem Konzert machte, das ließ die Zuhörer beeindruckt und fasziniert zurück.

Der Künstler aus Halle/Saale, geboren im Jahr 1997 in Usti nad Labem, studiert an der Musikhochschule „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ in Leipzig und ist preis- und stipendienverwöhnt von früher Jugend an. Für seinen Auftritt in Medingen legte er sich virtuose Partituren, im Falle von Ravel sogar die vermeintlich schwierigste und anspruchsvollste Komposition, die je geschrieben wurde, aufs Notenpult. Er entfesselte pianistische Tornados, glänzend, makellos und überhaupt nicht exzentrisch. Dabei raste er nicht nur, sondern gestaltete.

Der Auftakt kam Frédéric Chopins Sonate Nr. 2 b-moll op. 35 zu. Musik, die Robert Schumann eine „Kaprice“ und „Übermut“ nannte, weil Chopin darin „gerade vier seiner tollsten Kinder zusammenkoppelte.“ Die Sonate ist eins der größten Dramen der Klaviermusik, zumal alle Sätze in Moll stehen!

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Fotos: Barbara Kaiser

Robert Bily begann nach dem Grave-Auftakt rasant und wuchtig, vermochte aber das Seitenthema als Innehalten und atemlosen Kontrapunkt zu inszenieren. Das Scherzo in Satz zwei war schönes Wiegen, mit vielleicht einer Spur zu viel Ritardando. Dann der so gut wie totgespielte Satz drei, der Trauermarsch. Bei Bily erklang er wie neu ausgehört. Er ließ sich auch in dessen Mittelteil, der Vorbild für so manchen Gassenhauer war, nicht verführen, das Tempo anzuziehen. Mit großer Ernsthaftigkeit balancierte er erfolgreich und wunderbar auf dem sehr schmalen Grat zur Sentimentalität; der sich steigernde, klagende musikalische „Aufschrei“ wurde  bannkräftiger Moment. Das Presto des Satz vier behielt in den verschiedenen Lautstärken seinen Glanz und verkam nicht durch übertriebene Schnelligkeit zum bloßen Geräusch. Dynamische Schattierungen der Tonketten blieben in diesem Spiel ausdifferenziert.

Es folgte Maurice Ravel und dessen dreisätziges „Gaspard de la nuit“, das der Komponist eine „Karikatur auf die Romantik“ nannte, als er es der gleichnamigen Kurzprosadichtung von Aloysius Bertrand nachempfand. Außerdem wollte er sich damit dem Dämon der Technik überlassen. Es wurde eine bravouröse Klangfantasie, die schwindelig macht.

Bei Robert Bily glitzerte die „Wassernixe“ (Odine) in Satz eins auf schimmernden Klangflächen. Die 32-tel Noten besaßen in ihrer Zartheit beinahe den Sound einer Harfe, so wie sie in Bilys kultivierter Anschlagskultur und absolut ohne zu stocken dargeboten wurden.
Mit geradezu beängstigendem Furor erklang die kunstvolle Eintönigkeit von „Le gibet“ (Der Galgen). Ausdrucksetüde und Totenglocke in einem. Vielleicht fehlte am Ende ein kleines Stück an Spannung – aber man  bedenke in jeder Minute des Konzerts das Alter dieses Künstlers! Satz drei gehörte dann „Scarbo“, dem listigen Kobold. Die Schwierigkeit dieser Noten ist komplex. Der Pianist jedoch schien ein Genuss-Talent zu sein, das sich durch diese Schwierigkeiten herausgefordert fühlte. Jedenfalls besaß der 19-Jährige das gewisse Maß an Kaltblütigkeit für einen gebieterischen, exzellent profilierten Vortrag. Mit großer Genauigkeit und Sicherheit in den Griffen; das Toben des „Kobolds“, lauernd, tückisch, sprunghaft und boshaft, an keiner Stelle aus einem betörenden Fluss lassend.

Nach der Pause widmete sich Robert Bily der neuen Musik: Die „Sonate pour piano“ von Henri Dutilleux stand auf dem Programm. Als der Komponist 2013 im Alter von 97 Jahren starb, titelte eine große Zeitung: „Der van Gogh der klassischen Musik ist tot“. Die Sonate, 25-minütiges Werk, entstand 1948. Das Allegro des ersten Satzes ist eine Art Perpetuum mobile mit keckem Thema und absolut tonal. Satz zwei nennt sich schlicht „Lied“, Satz drei „Choral mit Variationen“, es sind ihrer vier.

junge pianisten_billy_endDiese Sonate besitzt überwältigende Cluster an Klang, ist manchmal schrill und dissonant, hochspeziell und aufregend in ihrer absteigenden Chromatik. Als Zuhörer kann man sich in diesen Noten verlieren oder nur staunend sitzen.
Robert Bily meisterte die brillanten technischen Formulierungen, die den Neoklassizismus nicht verleugnen. Er setzte den Charme der Übertreibung ebenso ein wie eine melancholische Getragenheit. Das Versunkene war bei ihm nicht zu dunkel, das Sprühende nicht zu ausufernd.

junge pianisten_billy1Insgesamt war dieser Abend einer der erhöhten Herzfrequenz. Mit einem Solisten, der die Töne blühen ließ, mitunter romantisch viel Pedal nahm, jedoch kein Detail unterschlug. Bily war den Noten allseits gewachsen und setzte sie außerordentlich inspirierend um. Trotz des bösen Handicaps. Dafür erhielt er am Schluss sehr langen Beifall.
Barbara Kaiser - 18. April 2016

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