Kammerton: Gottvertrauen

Rostocker Motettenchor sang durch die Jahrhunderte vertonte Luther-Texte

Während am Freitag die 2781 Läufer des Abendlaufs durch die Stadt hechelten und sich obendrein nassregnen lassen mussten, ging es in St. Marien viel entspannter zu: Der Rostocker Motettenchor war im Rahmen der Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum zu Gast, und was er musikalisch zu bieten hatte, rührte die Zuhörer an.

Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Markus Johannes Langer sang das Ensemble durch die Jahrhunderte vertonten Luthertexte. Noten zwischen Johann Walter (1496 bis 1570) und Arvo Pärt (*1935), von Heinrich Schütz, Georg Philipp Telemann, Johannes Brahms und Mendelssohn-Bartholdy. Von Michael Baumgartl (*1950) und Hans Georg Bertram (1936 bis 2013). Johann Sebastian Bach war leider nicht dabei. Dafür führten die Rostocker in ihrem informativen Programmheft Telemann unter dessen Lebensdaten!

Fotos: Barbara Kaiser

Das jedoch war der einzige Lapsus des Auftritts. Die drei Dutzend Sängerinnen und Sänger brachten aufregende Chorsätze dar, immer vier- oder fünfstimmig. Höhepunkt die Motette „Mitten wir im Leben sind“ op. 23 Nr. 3 von Mendelsohn-Bartholdy: Für zwei vierstimmige Chöre. Beim Crescendo „… du ewiger Gott, lass uns nicht entfallen von des rechten Glaubens Trost…“ stellte sich der sprichwörtliche Gänsehauteffekt ein.

Die Gäste ließen nirgendwo die kleinste Atemnot erkennen. Ihr Gesang war Durchsichtigkeit und Strahlkraft, Stimmgewalt ohne brachial zu sein. Wohlgestalte musikalische Bögen widerspiegelten Gefühlstiefe, leuchteten in den leisen Passagen, überwältigten im Forte.

Markus Johannes Langer dirigierte unaufgeregt und leitete seine Sänger auf die Art, dass der Zuhörer trotz der Vielstimmigkeit immer den Textanschluss wiederfand. Denn wie man das Wort Motette auch herleiten mag, aus dem Französischen „mot“ = Wort, dem Lateinischen „motus“ = Bewegung oder dem Italienischen „motto“ = Spruch, diese Gattung der Musik erzählt etwas. Oder ist eine Form der Andacht.

Leiter Johannes Langer

„Musik ist eine halbe Disziplin und Zuchtmeisterin, so sie die Leute gelinder und sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht“, war sich der Reformator sicher. Denn: „Es fließt mir das Herz über vor Dankbarkeit gegen die Musik, die mich so oft erquickt und aus großen Nöten errettet hat.“ Die Gäste aus Mecklenburg-Vorpommern musizierten mit dieser Disziplin und Akribie, während genauso viel Dankbarkeit der Zuhörer für diesen Hörgenuss ihnen sicher sein sollte.

So könnten die 90 Konzertminuten zusammengefasst sein, auch wenn man mit den Luthertexten nicht immer einverstanden ist. Beispielsweise dem „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin! Sie haben`s kein Gewinn; das Reich muss doch bleiben.“ Naja, Herr Luther, diese Gültigkeit ist nun wirklich schon 500 Jahre her…

Propst Jörg Hagen

Neben dem Vokalensemble saß Jan von Busch an der Orgel und interpretierte Telemanns Konzert für Oboe, Violine und Orchester c-moll in der Bearbeitung für Orgel von Johann Gottfried Walter und Felix Mendelssohn-Bartholdys Sonate B-Dur op. 65 Nr. 4. Die kurzen Sätze von Telemann hätten auch der entbehrte Bach sein können, ein lockeres Allegro, das fugisch daher kam. Den Mendelssohn hielt der Spieler bei aller Klangfülle übersichtlich.

Organist Jan von Busch

Er setzte die Effekte wohl kalkuliert. Musizierte prall und leicht geschürzt. In flüssigem Tone übertrieb er nicht, sondern ließ alles in fein abgestimmtem Fluss. Jan von Busch traf in seinem Vortrag die wichtigste Entscheidung in der Musik, die über das Tempo, immer angemessen und füllte die Noten mit Emotion.

Mit Heinrich Schütz, Arvo Pärt und dem dringendsten Wunsch der Gegenwart „Verleih uns Frieden gnädiglich“ endete das Konzert, das mit Innigkeit und technischer Sicherheit in der Stimmführung absolut überzeugt hatte. Es gab langen Beifall. Leider keine Zugabe.
Barbara Kaiser – 10. Juni 2017

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