Kalendergeschichten

„Aber dann im nächsten Jahr“ – Jahrmarkttheater erzählt mit seinem neuen Stück die Geschichte dreier junger Frauen

Natürlich ist die Überschrift von Bertolt Brecht geklaut. Oder von Johann Peter Hebel oder Erwin Strittmatter oder Gottfried Keller oder Botho Strauß. Deshalb vielleicht nannte Thomas Matschoß vom Jahrmarkttheater Bostelwiebeck sein neuestes Stück nicht genauso, sondern titelte „Aber dann im nächsten Jahr“. Was einen wiederum an den Bestseller von David Nicholls („Zwei an einem Tag“) denken lassen könnte.

Selbstverständlich jedoch findet der Autor und Regisseur Matschoß wieder seinen ganz speziellen Ton. Er steigt die Wand hoch, lässt sich dort auf einen Stuhl nieder und hebt im Kammerton des Märchenerzählers an. Es ist die Geschichte von Paula Sommer, Nicola Winter und Femke Früh (ohne -ling).
Was dabei herauskam, setzte einen in Entzücken. Wie Soi Anifantis (Femke), Laura Uhlig (Paula) und Maika Viehstädt (Nicola) den Zuschauern das alte Kafka-Sujet vom Geheimnis unserer Existenz, das wir nie schlüssig ergründen, so sehr wir uns auch vernünftig darum mühen, vorstellen, das ist einfach nur zauberhaft. Wie sie jauchzen und toben, verzweifeln, hoffen und bangen und letztlich (trotz aller Unwägbarkeiten) zufrieden sind mit ihrem Dasein - das kommt dem Finden der Tür zur Wunscherfüllung im Weltall der Seele gleich. Aber vielleicht der Reihe nach:

Die drei jungen  Frauen lernen sich kennen, als sie einen ICE verpassen. Der kollektive Anblick seiner Schlusslichter macht sie zu Verbündeten. Sie nehmen sich ein Hotelzimmer, kommen ins Reden und versprechen sich, sich alljährlich an diesem Novembertag zu treffen. Das Kalenderblatt an der Wand wird Zeuge dieser Verabredung. Das Kissen, die Blumenvase und eine alte Schachtel geben ihren Senf dazu.

bostelwiebeckbostelwiebeck3bostelwiebeck4Maika Viehstädt (links), Soi Anifantis (rechts) und Laura Uhlig

Die Nicola Winter von Maika Viehstädt ist eine fröhliche 22-Jährige, sie studiert Philosophie und hat Felix an ihrer Seite. An seiner Sehnsucht nach bürgerlicher Familienidylle hat sie ihre Zweifel: „Welche Grenzen hat mein Leben zu haben, damit es zu seinem passt? Wenn ich mein Leben bis ins kleinste Detail vor mir sehe, ist das schön oder schrecklich?“
Paula Sommer, die Schauspielerin, ist sofort sicher: „Schrecklich!“ Femke Früh findet jedoch: „Schön!“ Die Paula von Laura Uhlig hat das ansteckende Lachen von Julia Roberts. Sie ist sich sicher: „Alles, was wir machen, tun wir nur, um Aufmerksamkeit zu kriegen.“ Und doch will sie die Karriere. Männer? Am laufenden Band, ohne Lücken zwischen den Bekanntschaften. Soi Anifantis gibt die Femke als eine stille, tief verunsicherte junge Frau. Sie studiert Medizin. Männer? Fehlanzeige. Wir ahnen zudem, sie hat ein Geheimnis und warten auf dessen Aufdeckung.

bostelwiebeck2Die drei agieren aus klugen Köpfen und vollem Herzen. Mit Charme und mit einer wunderbaren Nachdenklichkeit. Der Text gibt den Figuren schlüssig Profil. Statt Lehrhaftigkeit, leichte, unverkrampfte Schauspielkunst. Beweglich, über alle Maßen poetisch.
Da besitzt diese Medizinstudentin Femke die Fähigkeit, über das Eigene hinauszudenken inmitten unserer allgegenwärtigen, raffgierigen Ich-Sucht. Und wenn sie erzählt, dass es ihr gut gehe, sie eine befriedigende Arbeit hat, Joga macht und Tango tanzt, das Geld ausreicht, dann ist das für sie „aber doch nur Oberfläche.“ Wie auf dem Eis komme sie sich vor, das zwar trüge, aber: „wenn ich auf diese Welt schaue, haben wir uns an so vieles gewöhnt, woran wir uns nicht gewöhnen sollten.“

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Wir sehen der Nicola, die verheiratet ist, zwei Kinder hat und ein Haus baut mit Felix, zu, wie sie zwischen himmeljauchzend und zu Tode betrübt schwankt. Zwischen Ehealltag und Affären taumelt, um sich vermeintlich selber zu finden. Die Magisterarbeit in Philosophie wird sie nie beenden.
Paula dagegen geht durch tiefe, frustrierende Täler so manchen Schauspiel-Engagements. Sie leidet daran, dass sie am Abend des Tages von 9/11  eine dusselige Komödie spielen muss, will ihre Arbeit ernst nehmen, schafft es am Ende in die TV-Soap und zu einem gewissen Bekanntheitsgrad. Sie sitzt auf Roten Sofas, aber glücklich wird sie am Ende ein Vorsprechen am Hamburger Schauspielhaus machen.
Das Geheimnis der Ärztin Femke darf  hier nicht verraten werden. Dass nach zwei Stunden alle in dem „Wimmelbild Leben was zum Festhalten“ gefunden haben, ist aber gewiss.

Und dann ist da noch das „Kalenderblatt“. Thomas Matschoß nimmt sein Publikum mit auf eine philosophische Reise durch die Jahre 2000 bis 2015. Er erinnert an Ereignisse dieser Zeit und überrascht mit so manchem Aperçu, der einen oder anderen Weisheit. Er schwadroniert über die verschiedenen menschlichen Konzepte des Lebens und liefert doch kein Gescheitheitsdrama ab. Weil Matschoß immer ein leidenschaftlicher Versöhner von Tragödie, Komödie und Show, Shakespeare und Clip-Revue ist.

bostelwiebeck5Es ist doch die größte Feier eines Dichters, des Texteschreibers, wenn man den vergisst und sich selbst entdeckt. Das passiert an diesem Abend angesichts der virtuosen Selbstentblätterungsdynamik der Darsteller, die mit unaufdringlich klugen Mitteln Wahrnehmung irritieren, indem sie viel Stoff aus Glaube und Unglaube, Idealismus und fröhlichem Sarkasmus auf die Bühne stellen. Dieser Neuheit aus dem Hause Matschoß/Imig gebührt ein Spitzenplatz in der achtjährigen Jahrmarkttheatergeschichte. Co-Regie: Andrea Hingst, Bert Brüggemann lieferte die Videoeinspielungen, die man als passgenau empfindet, auch wenn man sonst nicht so viel von dieser Technik im Theater hält.

„Aber dann im nächsten Jahr“ – gehen Sie unbedingt noch in diesem Jahr hin! Termine im November/Dezember 2015: Jeweils freitags, samstags, sonntags, 27., 28. und 29. November. 4., 5. und 6.; 11., 12. und 13.; 18. 19. und 20. Dezember. 19.30 Uhr, Bostelwiebeck. Kartentelefon: 05807/979971 oder karten@jahrmarkttheater.de
Barbara Kaiser – 20. November 2015

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