Jedes Bild ist eine neue Geschichte

Zur Kunstvereinsausstellung mit Gemälden und Grafiken von Dmitrij Schurbin

Mein Lieblingsbild ist „Schlüssel zum Herzen“!  Was hat der unersättliche Beobachter Dmitrij Schurbin dort in Tempera aufs Papier gebracht! Eine erotische Schöne, elegant drapiert mit knappem Kleidchen und riesigem Hut in pikanter Pose. Selbstbewusster Blick und - unüblicher Handgelenkschmuck. Nämlich die Schlüssel von kleinen Fächern, in denen sie ganz offenbar die Herzen all ihrer Verehrer einschloss, um sie vielleicht – aber wirklich nur eventuell! – bei Bedarf herauszulassen. Damit die ihr huldigten. Völlig erschöpft vom Warten auf seine Gelegenheit lehnt ein Mann an einer Art Kontrabass (der die Schließfächer beinhaltet) und versucht, obwohl die Kühle ihn keines Blickes würdigt, eine Melodie darauf hervorzubringen, auf dass er ihre Aufmerksamkeit erringe…
Es ist ein Bild nur in Schwarz-Weiß-Grau. Keine Farbe, das Format 75 mal 70 Zentimeter. Aber was für eine Entdeckungsreise! Welche Tragödien! Natürlich welche mit dem gewissen Augenzwinkern.

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Schlüssel zum Herzen   Fotos: Barbara Kaiser

Der Maler und Kurator Dmitrij Schurbin stellt noch bis zum 23. Oktober 2016 seine Arbeiten im Theaterkeller, dem Ausstellungsraum des Kunstvereins, aus. Man muss sich Zeit für sie nehmen. Möglich, dass man sich verirrt, wahrscheinlich jedoch, dass man bereichert und beschenkt aus ihnen auftaucht.

Der Künstler wurde im Jahr 1982 in Kasachstan geboren. Nach den ersten Schuljahren, Anfang der 1990er Jahre, zog seine Familie als Spätaussiedler nach Marburg um. Der Junge absolvierte die Realschule, leistete Zivildienst und besuchte die Schule für Kunst und Gestaltung in Kassel. Im Jahr 2006 holte er das Abitur an der Abendschule nach und studierte von 2007 bis 2013 Grafik und Malerei an der Staatlichen Akademie Moskau. Seit 2012 ist er Mitglied im Bund Bildender Künstler Braunschweig. Im Jahr 2013 gründete Schurbin die Galerie „Artgeschoss“ in Wolfenbüttel, eine Ausstellung mit internationalen Künstlern. Davon gab und gibt es Ableger in Berlin (2015), wo er auch lebt, in Braunschweig 2016 und in Salzgitter im Jahr 2017.

Im Mai dieses Jahres hielt Schurbin als Kurator eine launige wie kundige Rede für die Ausstellung von Konstantin Déry, Oliver Gröne und Zwenia, seine Malerfreunde. Er kam ohne all dieses kunsthistorische Esperanto aus, das andere anbieten, wenn sie über Kunst schwadronieren. Er lockte die Zuhörer damit, dass ein Bild  nicht etwas sei, das beißt oder kompliziert ist. „Man findet etwas für sich selbst und erlebt etwas“, versicherte er. Jedes Kunstwerk habe einen Klang, versprach er den Zuhörern und forderte zur Entdeckung auf.
Man war bereits damals gespannt, was einer auf Leinwände brächte, der so bildhaft zu reden in der Lage war. Jetzt ist es so weit: Dmitrij Schurbin zeigt 19 Werke, die fast alle für diese  Ausstellung entstanden.

kunstverein-dmitrij-schurbin-portraet-vor-selbstportraet_bDie Bilder führen ein magisches Eigenleben, sind Dossiers voller Weisheit und Tücke. Da ist beispielsweise „J. S. Bach: Goldberg-Variationen“. Wir erinnern uns, Bach schrieb die Aria und deren Variationen für den russischen Gesandten am Dresdner Hof, der unter Schlaflosigkeit litt und seinen Cembalisten Goldberg klimpern ließ, auf dass er so begleitet leichter in Morpheus` Arme fiele. Man weiß nicht, wer in dieser Konstellation mehr zu bedauern war.
Schurbin stellt in den Mittelpunkt des Bildes eine Orgel, die quasi den Mittelteil eines Rappen bildet, der von einer nackten Schönen am Zaum geführt wird. Vielleicht ein Hinweis für andere den Schlaf fördernde Maßnahmen?

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J. S. Bach: Goldberg-Variationen

Vor Schurbins Bildern kann man sich nicht einrichten in Sehgewohnheiten, dafür ist seine Lust am Erfinden viel zu groß. Außerdem bleibt jede Erklärung bestenfalls wahrscheinliche Vermutung. Prallvoll mit Details sind die Werke, drängend eng komponiert. Hintergründig oft und pointensicher. Zum Beispiel „Warten auf den Anruf“: Die Frau sitzt auf dem Sofa, ein Bein untergeschlagen, hat das Telefon im Blick. Sie greift danach, aber nein, es hat nicht geläutet. Vielleicht wird es gar nichts mit dem Anruf, der versprochenen Verabredung – wer erinnerte sich nicht auch an solch eine Situation? Warten ist nicht Leben zu nennen! Irgendwann muss man sich erheben von der Couch…

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Warten auf den Anruf

Auf die Frage, was Kunst zu leisten im Stande sein müsse, antwortete der Maler, dass sie für ihn eine wichtige Funktion für die ganze Gesellschaft habe. Im intensiven Informationsstrom, dem wir Menschen tagtäglich ausgesetzt sind und nicht entkommen können, bliebe keine Zeit sich zu fragen, wer man ist, woher man kommt und was man fühlt. Da erscheine ihm die Kunst als Möglichkeit für ein in sich Hineinschauen, für ein Wiederfinden der eigenen Träume, Gedanken, Wünsche und Gefühle. „Diese Interaktion“, davon ist Dmitrij Schurbin überzeugt, „rettet uns vor den aggressiven Attacken der modernen Medien, die es uns erschweren, wir selbst zu sein, Individuen zu bleiben, selber denken zu lernen.“

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Dualität

Dmitrij Schurbin macht dennoch aus seiner Wahrheit keine ideologische Handelsware, weil diese Spur der Anmaßung geschichtlich lang ist. Seine Arbeiten scheinen vor allem vielschichtige, immer währende Selbsterforschung. Sein Selbstporträt ist ihm sehr ähnlich. Aber trägt er darauf eine Dornenkrone? Hinweis auf die Mühen des Tages? Auf Vergeblichkeit, Verzweiflung auch?
Es geht dem Maler nicht ums bloße Brillieren mit Farbe und Form um zu beeindrucken, sondern um ein Thema, eine Stimmung. Um ein Mitfühlen und den Blick in die Seele des Betrachters. Auch mit Ironie – gar keine Frage. Weil Ironie Distanz schafft und aus der Entfernung sieht man besser.

Dass der Künstler einer der großen handwerklichen Meisterschaft ist, scheint müßig, extra zu betonen. Der Betrachter steht vor manchem Bild und fragt sich: Ist das Airbrush oder Frottage? Nein, es ist in den meisten Fällen Ölfarbe, manchmal Tusche mit Tempera.

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Blaue Melodie

Ich erinnere mich an dieser Stelle an Renata Tumarowa, die vor drei Jahren im Kunstverein Uelzen ausstellte. Die Russin hatte in Berlin studiert und sagte damals, ihr sei die russische Schule zu konservativ gewesen, zu voreingenommen oder gar ablehnend Neuem gegenüber. Wie Dmitrij Schurbin allerdings diese russische Schule der Fantasie, Poesie und Magie mit der westlichen Moderne, dem Surrealismus etwa, vereint – das ist einfach zauberhaft. (Die Bilder auf der Homepage des Malers erinnern an die schönsten Kinderbücher von Alexander Wolkow oder an sowjetische Märchenfilme!)

Die Titel seiner Malergebnisse wisse er meist schon vorher, antwortet der 34-jährige Künstler auf die Frage danach. Weil die Sujets in seinem Kopf existierten, weil er sich „als Medium sieht zwischen Träumen und Erlebnissen und dem Endprodukt Bild.“
Es ist philosophische Nachdenkkunst, die im Theaterkeller auf die Besucher wartet; mit Ausbrüchen wütender Emotion oder pikanter Ausdeutung. Und ganz, ganz viel Platz für die eigene Fantasie! Was beispielsweise verbindet das Bild „Dualität“? Das Weibliche und Männliche? Theorie und Praxis? Die Kunst und die Technik? Finden Sie es heraus!
Barbara Kaiser - 25. September 2016

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