Große Sinfonik – auch in Blech

Wendland-Sinfonieorchester spielte im Kurhaus unter neuer Stabführung sein Pfingstkonzert

Er heißt auch Felix, der neue Dirigent des Wendland-Sinfonieorchesters (W.S.O.). Felix Mildenberger. Ob die Zusammenarbeit eine glückliche werden kann, wie es der Name verheißt und wie sie unter dem überzeugenden Felix Bender in den letzten Jahren eine war – dafür gab es beim Premierenauftritt des „Neuen“ am Pult viele gute Anzeichen. Obwohl die Schuhe groß sind, in die er passen muss. Der Klangkörper stellte sich nach der Pfingstarbeitsphase seinem Publikum im Kurhaus Bad Bevensen vor. Auf dem Programm Beethoven, Dvořák und Mark Laycock.

Über diesen Musikabend zu schreiben heißt, unbedingt das Unbekannte in den Mittelpunkt zu stellen. Denn dieses Konzert für Saxofon-Quartett und Orchester von Mark Laycock (*1957), das unter dem Titel steht „The Orchestra Goes Out With a Musical `Bad-Boy`“ war das Klangerlebnis schlechthin. Wobei das Orchester keineswegs mit einem „bösen Buben“ ausging – vielmehr mit vier hochmusikalischen Damen und Herren. Der anwesende Komponist schien ähnlich dem Publikum begeistert von der Darbietung durch das W.S.O. und das Quartett „clair-obscur“, das seit 15 Jahren zusammenspielt und sich im Studium an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin zusammenfand.

Komponist Mark Laycock    Fotos: Barbara Kaiser

„Wenn Gott ein Instrument wäre, wäre er ein Tenorsaxofon!“ Sagt der Tenorsaxofonist Christoph Enzel. Das mag so sein, aber seine Kollegen an Bariton-, Alt- und Sopransaxofon, Kathi Wagner, Maike Krullmann und Jan Schulte-Bunert, spielten genauso zum Niederknien.
Vier Sätze: Prelude, Allegro flirtuoso, Blue moon: Slow and close dance und Presto palpitationi: Now that was a Kiss Good Night.
Mit anderen Worten: Nach dem Aufwärmen und einander umschleichen sind alle von der Leine gelassen und liegen sich am Ende in den Armen! Bildlich gesprochen.

Was für ein Sound! Beginnend mit der polyphonen, kontrapunktischen Zwiesprache unter den Quartettmitgliedern. Hier fehlte außer den Streichern nichts zum klassischen Kammermusik-Quartett. Danach wurde es sehr munter. Rhythmisch, überquellend ausgelassen, Orchesterzwischenrufe, meist von den Bläsern und vom Schlagwerk. Und dann – dachte man, jetzt kommt der berühmte Walzer von Schostakowitsch aus dessen Jazz-Suite Nr. 2. Eine Verbeugung vor ihm war es aber allemal.

Ein jazzender Cellospieler, eine Kadenz fürs Sopransaxofon, fröhlicher Radau, plötzliche Rhythmuswechsel zum Lateinamerikanischen. Ausgelassene Spielfreude und Lebensbejahung, zwischen amerikanischem Rag und russischer Schwermut – wenn das nicht Völkerverständigung heißt! Aber in der Musik ist eben alles viel einfacher.
Donnernder Applaus nach dieser Nummer! Es war großartig, atemberaubend, neu und wunderbar! Wow!

Felix Mildenberger dirigierte mit großer, aber akkurater Geste. Er gab deutliche Einsätze und war gespannt bis in die Taktstockspitze. Er hielt alles exakt zusammen, was bei diesem Konzert keineswegs einfach war. Er ließ sich seine Musiker beherzt verschwenden und blieb selbst ohne Attitüde, vielleicht beim Schlussapplaus ein bisschen zu zurückhaltend. Aber er ist eben noch neu.

Dafür bewies er Charisma und Standvermögen und sandte eine konzentrierte Botschaft aus Klang, der nichts von Abnutzung weiß. Auch bei den das Saxofon-Konzert einrahmenden Nummern: Die Coriolan-Ouvertüre c-moll op. 62 von Ludwig van Beethoven und die Sinfonie Nr. 6 D-Dur op. 60 von Antonín Dvořák.
Die Konzertouvertüre, die mit musikalischen Mitteln ein Porträt des tragisch endenden Lebens des römischen Feldherrn zeichnet, war vielleicht ein bisschen viel agitato, andererseits muss sie ja von kompromissloser Entschlossenheit sein…
Die vier Sätze  Dvořák  mit schönen Bläsern, die nur manchmal zu böhmischer Blasmusik-Breite neigten und einem dritten Satz „Scherzo. Furiant“, bei dem sich an Bedřich Smetanas „Verkaufte Braut“ denken ließ. Manchmal kam die große Sinfonik ein wenig brachial daher, aber das bleibt Interpretationssache. Auf jeden Fall aber war sie aufgekratzt unromantisch, nicht versunken, eher sprudelnd.

Summe: Ein wunderschöner Abend! Mit einem musikalisch hervorragend aufgestellten W.S.O., Top-Solisten und einem Dirigenten, der sein Orchester ungemein farbig und detailbewusst zum Klingen zu bringen vermochte.
Barbara Kaiser – 7. Juni 2017

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