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Wendland Sinfonieorchester spielt das traditionelle Neujahrskonzert des Kulturvereins

Am Schluss stand Felix Bender glücklich und erschöpft. Dennoch kann der Dirigent seinem Orchester nicht genug danken und alle, alle strahlen. Das Publikum auch.
Mit sehr gutem Grund! Das Wendland Sinfonieorchester (WSO) hat unter diesem Dirigenten hörbar einen weiteren Qualitätssprung gemacht. Das Neujahrskonzert, traditionell in Bad Bevensen vom Kulturverein mit diesem Klangkörper organisiert, war eine frisch zündende und beschwingte Angelegenheit. Auf dem Programm standen mit Johann Strauß (Sohn), Dmitrij Schostakowitsch und Pjotr Iljitsch Tschaikowski Komponisten, die einem nicht alle zwingend für ein Jahresauftaktprogramm, in dem es ja effektvoll und locker, keineswegs zu dramatisch zugehen soll, einfallen.

Mit der Ouvertüre zur Operette „Die Fledermaus“ macht man deshalb erst einmal gar nichts falsch. Die Auftaktakkorde: Exakt und vehement. Im Fortgang in einem eleganten, akzentuierten Musizierstil. Man hat diese flotten Eingangsnoten übrigens auch schon als zähen Brei gehört – nicht so im Theater an der Lindenstraße.
Felix Bender wird in diesem Jahr erst 30 und ist der Sympathieträger eines Dirigenten schlechthin. Er dirigiert mit großer Geste und sichtbarer Freude; zudem bietet er eine Studie in Ästhetik, weil er die Noten in Bewegung übersetzt. Dass er seine Musiker zu inspirieren und motivieren weiß, teilt sich dem Zuschauer mit.

Bevensen Neujahrskonzert1Nach Strauß Filmmusik von Schostakowitsch. Heute sagte man „Soundtrack“. Der Russe hat zu fast 40 Filmen die Noten geschrieben. Und spätestens seit seinem Walzer aus der Suite für Jazzorchester Nr. 2 weiß man, dass er nicht nur Dramatik kann, dass der große Tonsetzer neben Opern – mit denen er politisch aneckte bei Stalin – die kleine Form genauso beherrscht. Es ist wohltuend, diesen Mann immer öfter auf den Konzertpodien des Westens zu hören.

Seine Musik zum sowjetischen Film „Obog“ (die Hornisse, die Stechfliege) aus dem Jahr 1955 nach einer Novelle des Jahres 1898 ist zwölfteilig. Das WSO spielte neun davon. Beginnend mit einer drohenden c-moll-Ouvertüre streift der Hörer musikalisch über ein Volksfest, der Tarantella-Rhythmus zeugt davon, hört russische Schwermut, obwohl der Film die Geschichte eines italienischen Freiheitskämpfers erzählt – aber die Liebe ist überall gleich! Profunde und klangsatt der Galopp und die Romanze mit einer wunderbaren Solovioline. Ein Finale in Dur und Marschrhythmus, kraftvoll und überzeugender Gewissheit, schließt das Ganze ab.
Die berührende Unmittelbarkeit des Spiels ist immer reflektiert und abenteuerlich zugleich. Schön, einfach schön, immer ein bisschen am Herzen ziehend. Voller vitalem Temperament aufgeführt, mit energischer Ausstrahlung.

Bevensen Neujahrskonzert4Nach der Pause erklingt Tschaikowskis seltener aufgeführte Sinfonie Nr. 1 g-moll op. 13, „Winterträume“. Wer hätte es gedacht: Passend zum Wetter. Das Orchester sortiert unter Benders sicherer Führung den romantischen Klangwust. Nirgendwo tappt man in die Verlockungsfalle gestaltender Dominanz. In den vier Sätzen ist der zweite, das Adagio cantabile, das Zärtlichste, Sehnsuchtsvollste, Wunderbarste, das zu hören ist. Mit einem Oboensolo, umrankt von Flöte und Fagott. Zum Niederknien!

Bevensen Neujahrskonzert2Überhaupt ist keiner Instrumentengruppe irgendein Makel anzulasten. Saubere Hörner, berührend die Holzbläser, die Streicher kongruent und den Luxus der Fülle ausbreitend, alle Schlagwerke wahrhaft schlagkräftig und nicht bloße Donnerer.

Das Orchester musizierte mit einer Intensität, die sich geschickt als Beiläufigkeit tarnte – das Leichte, das so schwer zu machen ist! Sorgsamst in den Strukturen und Lautstärken ausformuliert. Das Ganze voller Spannung. Im Gewusel mit Pizzicato, aus dem sich ein Walzer schält, im Tutti-Schwelgen.

Bevensen NeujahrskonzertEs war ein beglückender Abend, an dessen Ende als Zugabe – quasi wieder nach Wien zurückkehrend - die Schnellpolka „Unter Donner und Blitz“ von Johann Strauß erklang.
Danke, danke allen rund 75 Musikern, die zwischen Saßnitz auf Rügen und Basel in der Schweiz, zwischen Saarbrücken, Braunschweig, Schwerin, Weimar, Dresden und Chemnitz zu Hause sind.
Barbara Kaiser - 6. Januar 2016

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