Des Cellos schönste Variante

Wendland-Sinfonie-Orchester spielte Neujahrskonzert im Bevenser Kurhaus

Das Wendland-Sinfonie-Orchester (WSO) ist bei jedem Auftritt – vor allem dem nach Neujahr - so mutig, ein Repertoire anzubieten, das weniger massengeschmackskompatibel ist. Das kann schief gehen, wenn der Zuhörer mit lustig-luftiger Schunkelerwartung kommt.

Auch für das Neujahrskonzert 2018 hoben die Musiker dieses Projektorchesters Noten aufs Pult, die sich nicht vorm Dreivierteltakt verbeugten. Zusätzlich war der Abend die Premiere für den neuen Dirigenten des Klangkörpers: Friedrich Praetorius, Jahrgang 1996, geboren in der Lutherstadt Wittenberg, sang in der 16. Generation im Thomanerchor und ist in der Tat verwandt mit Michael Praetorius, dem Komponisten (1571 bis 1621). So stand es jedenfalls vor ein paar Jahren in der Thüringer Landeszeitung geschrieben. Nun schwingt der Nachfahre eines berühmten Ahnen am Pult des WSO den Taktstock. Mit 21 Jahren, aber einer bereits reichen Erfahrung in einem Musikerleben voller Abwechslung.

Dirigent Friedrich Praetorius   Fotos: Barbara Kaiser

Als Auftakt erklang die Ouvertüre zu Richard Wagners „Tannhäuser“, dieser Oper, die die erlösende Macht der Liebe propagiert, dabei aber Sinnenglück und Seelenfrieden in einen Widerspruch setzt. Die Ouvertüre moduliert das Leitmotiv des Pilgerchores, das sich breit, würdig und pathetisch steigert. Zum Glück nahm Praetorius mit seinen Musikern selbiges nicht ganz so schwülstig, es fehlte auch ein Quäntchen flirrende Erotik des Venusbergs, der Vortrag war nur opulenter Seelenfrieden, weniger Sinnenglück.
Die Hörner jedoch, die fragilste Stelle in einem Orchester, erwiesen sich als standfest von Beginn an.

Über die zwei Stunden des Konzertabends hinweg bot der Klangkörper in allen Registern große Musikalität, eine erfreuliche, unbeirrbare Hingabe an die Partituren und elegante wie geschärfte Werkwiedergaben.
Großes Ausrufezeichen des Abends war das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 107 von Dmitrij Schostakowitsch mit Friedrich Thiele am Soloinstrument. Der ebenfalls erst 21-jährige junge Künstler wurde in Dresden geboren, ist bereits international ausgezeichnet und studiert in Weimar.

Cellist Friedrich Thiele

Unter dem kraftvoll konzentrierten Dirigat stimmten sinfonische Dimension wie konzertanter Ausdruck; das Cello ordnete sich unter ohne unterzugehen und besaß die Fähigkeit, die enormen Anforderungen, die die Komposition in punkto Virtuosität stellt, zu meistern. Im irritierenden Zwielicht zwischen intellektuellem Anspruch und einer großen träumerischen Nachdenklichkeit gelangen klangschöne (auch des Blechs!) Wechselspiele und Tutti-Ausbrüche spielerisch souverän. Das Cello: Edel und gediegen, wertvoll wie schweres Silber oder alter Wein, alle Möglichkeiten des Instruments demonstrierend.

Schostakowitsch komponierte das Konzert 1959. Da war Joseph Stalin sechs Jahre tot, die berühmte Rede von Nikita Chrustschow über sein fatales Wirken aber noch nicht gehalten. Der Komponist hatte zu diesem Zeitpunkt keine Formalismus-Debatte mehr zu fürchten und man hört der Musik die Erlösung, die Erleichterung darüber an. Friedrich Thiele machte diese Atmosphäre zusätzlich hörbar: In jeder Nuance eindringlich, von tapferer Vitalität und stiller Größe. In grellen, bissigen Farben wie bei Weill oder Eisler. Bei diesem Vortrag stimmte alles, Tempo, Pracht und Balance mit dem Orchester.

Nach der Pause erklang die Sinfonie von César Franck d-moll. Es ist die einzige des Komponisten, in der er nach der Beschäftigung mit Programmmusik und sinfonischen Dichtungen zur klassischen Formtradition zurückkehrte. Das waren eigenwillige 40 Minuten Musik. Nicht gerade überreich an motivischen Ideen und kontrastreicher Instrumentierung.
Das WSO machte das Beste daraus. Friedrich Praetorius dirigierte voller Schwung, weit ausgreifend und mit präzisen Einsatzzeichen.

Die romantische Fülle der drei Sätze, bei der die Musiker das „non troppo“ (nicht zu sehr) am Allegro ernst nahmen und die schöne cantable Passagen - etwa in Oboe und Horn - hatte, hörte man sicherlich schon uninspirierter. Und dennoch blieb das Strömen und Rauschen einigermaßen fremd, obgleich das Orchester die Kraft und Spannung aus dem Cello-Konzert mit herüber zu nehmen suchte und mit Erfolg um Glaubwürdigkeit bemüht war.

Bei dem einen oder anderen Zuhörer mag die Sehnsucht nach einer packenden Beethoven-Sinfonie an diesem Abend dennoch gewachsen sein!
Barbara Kaiser – 5. Januar 2018

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