Der Held mit der Flöte

Halbszenische Aufführung der Friedrich-Kuhlau-Oper „Lulu“ durch das TfN

Es gibt immer Gründe, wenn eine Partitur fast 200 Jahre lang in irgendwelchen Schubladen liegt. Warum auch sollte man sich auf Friedrich Kuhlaus Oper „Lulu“ besinnen, wo die Musikwelt doch mit Mozarts „Zauberflöte“ ein geniales Werk zum Thema besitzt?
Beim Theater für Niedersachsen (TfN) haben sich die Zuständigen nun doch entschlossen, diese Noten des Uelzener Sohns zu entstauben. Entstauben war für das Vorhaben von einiger Dimension dann auch das richtige Wort, denn Werner Seitzer, der musikalische Leiter, fand eine Partitur vor, nach der man nicht sofort dirigieren konnte. Das erzählte Intendant Jörg Gade im Pausengespräch. Auch, dass Seitzers Hochachtung vor  Emanuel Schikaneder, dem Librettisten Wolfgang Amadeus Mozarts, gewachsen sei.
Mozarts und Kuhlaus Opern schöpften aus derselben Quelle: „Lulu oder die Zauberflöte“ von August Jakob Liebeskind. Während das Märchen jedoch bei Kuhlau und seinem Librettisten eine moralisierende Angelegenheit, Suche nach einem „reinen Helden“ zwecks Erlösung einer Schönen, bleibt, machte Schikaneder daraus die vielschichtige Erzählung, die wir alle kennen. Gibt es bei Kuhlau nur Schwarz oder Weiß, sehen wir uns bei Mozart den verschiedenen Paaren gegenüber, die sympathisch differenziert gemalt wurden. Und da ist von der Musik noch gar nicht gesprochen!

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Im Jahr 1824 in Kopenhagen anlässlich eines Königinnengeburtstages uraufgeführt, war dem romantischen Werk damals Erfolg beschieden. Seine Kritiker bemängelten allerdings, dass es eine Melange aus Mozarts Noten, Webers Ideen und vor allem Rossinis Einfällen sei. Es muss etwas dran sein, denn Kuhlau hatte für seinen Kollegen Rossini nur abfällige Bemerkungen übrig.
Friedrich Kuhlau wurde 1786 in Uelzen geboren, starb im Jahr 1832 nahe der dänischen Hauptstadt. Mit dieser Lebenszeit durchmaß er eine Epoche der Umwälzungen. Seine Musik bleibt angesichts dessen eher brav.

Die Aufführung des TfN brachte das Stück halbszenisch auf die Bretter des Theaters an der Ilmenau. Es ist der zeitgleichen Inszenierung der „echten“, der Mozartschen Zauberflöte zu danken, dass die Hannoveraner und Hildesheimer Gäste auch ein paar Kostüme und Kulissen dabei hatten. Eine vollständige Inszenierung von „Lulu“ wäre wahrscheinlich viel zu possierlich geraten, so war diese Lösung gut und schön.

Bei der Ouvertüre durfte man noch an die Olsenbande denken: Diese Musik war, wie die im Film, Vorschlaghammer geeignet, hatte aber sehr wohl auch leise Intermezzi. Natürlich bekam die Flöte Soloparts – wen wunderte es bei diesem Komponisten. Die folgende fast dreistündige Aufführung hatte Mängel vor allem in der Textverständlichkeit von Chor und Darstellern.

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Yvonne Prentki als Prinzessin Sidi stand nur eine dünne Stimme zur Verfügung, die nicht geschmeidig zu strahlen vermochte und kaum ankam gegen das große romantische Orchester. Ihr Held Lulu, der Tenor Konstantinos Klironomos, schaffte die manchmal schwierigen Höhen, machte seine Stimme aber kaum richtig auf, was schade war. Markant und sicher dagegen Jan Kristof Schliep als Zwerg Barca. Hier war Vokalität geräumig ausgelegt und  siehe, man verstand den Text auch in der letzten Reihe! Levente György war der böse Zauberer Dilfeng, ein Bassbariton mit einigem Format. In der Summe jedoch hört sich musikalische Verführung anders an.

Werner Seitzer hielt mit seinem kraftvoll präzisen Dirigat alles fest in der Hand. Das Zusammenklingen zwischen Orchester und Singstimmen funktionierte auf schöne Weise. Der Jugendchor des TfN überzeugte mit einem glockenreinen Ton, die Kuhlau-Wettbewerb-Preisträgerin aus dem Jahr 2013, Lara Hüttemann, war die „Zauberflöte“ an Lulus Seite, was sie sehr souverän und klangschön erledigte.

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Lara Hüttemann, Kuhlau-Wettbewerb-Preisträgerin 2013, als Zauberflötenspielerin

Kuhlaus Musik ist bei aller Komplexität nicht ohrwurmverdächtig, vielleicht auch nicht ohrwurmfähig. Es gibt ein paar schöne Szenen, beispielweise das Trinklied des Zwerges Barca: „Wer sich wirft in Bacchus` Arme, kömmt ins Paradies hinein!“ Das hatte Pfiff und Esprit, fast wurde ein Offenbach vorausgedacht. In diesen Weingott-Armen war es auch musikalisch aufregend, ehe wieder von Reinheit und Unschuld gesungen wurde bis sich beim seligen Happy End alle in die Arme fielen.

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Der Applaus der rund 400 Zuschauer war freundlich, wenn auch vorsichtig. Euphorische Ovationen gab es nicht. Und obwohl das Unternehmen des TfN Hochachtung verdient - es hatte eben sehr wohl seinen Grund, warum diese Partitur seit fast 200 Jahre ungestört vor sich hin schlummerte….
9. November 2014  - Barbara Kaiser

3 Antworten

  1. <strong>Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag von Barbara Kaiser wurde nachträglich noch einmal geändert. Aufgrund vielfacher Einwände soll an dieser Stelle Frau Lange-Brachmann die Gelegenheit bekommen, zur Kritik von Barbara Kaiser Stellung zu nehmen.</strong> Frage: Frau Lange-Brachmann, Sie haben die Kritik von Barbara Kaiser zur Kuhlau-Oper „Lulu“ gelesen. Sehen Sie es auch so, dass die Oper entstaubt werden musste? Antwort: Da ich fast fünfzehn Jahre lang Gespräche geführt habe mit Orchestern, Musikhochschulen und auch dem TfN, können Sie sich sicher denken, dass ich die Oper, die es übrigens auch in einer guten CD-Aufnahme gibt, keinesfalls verstaubt finde. Es gibt auch Noten, auch welche, aus denen man dirigieren kann (Herr Seitzer hatte die auch) – diese Tatsachen sprechen nicht dafür, dass man der Oper keine Beachtung schenken würde. Sie ist einfach für längere Zeit vergessen gewesen, was aber erst einmal gar nichts über ihre Qualität aussagt. Manch eine Oper, die heute aufgeführt wird, reicht bei weitem musikalisch nicht an „Lulu“ heran. Viele von Friedrich Kuhlaus Kompositionen und auch seine Oper „Erlenhügel“ werden ja bis heute aufgeführt. In Tokio wird im kommenden Jahr seine Oper „Räuberburg“ gegeben. Frage: Was halten Sie von dem in der Kritik angesprochenen Vergleich zwischen der „Zauberflöte“ und „Lulu“, die doch beide auf dem gleichen Stoff gründen? Antwort: Nur auf den ersten Blick meint man, die Opern vergleichen zu müssen, weil eben beide sich des Märchens „Lulu oder die Zauberflöte“ bedient haben. Mozarts Librettist Schikaneder hat aber noch etliche andere Geschichten dieser Märchensammlung verarbeitet, außerdem ließen die beiden auch den freimaurerischen Gedanken einfließen. „Die Zauberflöte“ ist eine der besten Opern der Welt, dass „Lulu“ nicht (wie eben auch kaum eine andere) damit auf eine Stufe zu stellen wäre, hat kein Mensch erwartet, der an diesem Abend ins Theater gegangen ist. – Diese Vergleicherei der beiden Opern ist eine äußerst magere Grundlage, man merkt Frau Kaisers Kritik deutlich an, dass ihr zur Beurteilung dieses Werkes die üblichen Nachschlagewerke fehlten. Es genügt hier eben nicht, die Reminiszenzen an Rossini und Mozart aufzuzählen - die zweifellos da sind, aber äußerst phantasievoll verarbeitet wurden. Welcher Komponist ist nicht beeinflusst von seinen Vorgängern und Zeitgenossen, so ist z. B. bei Mozart noch deutlich sein Lehrer Haydn zu hören, wer will ihm das vorwerfen? Eine korrekte musikwissenschaftliche Einschätzung hätte sich damit nicht begnügt, sondern stattdessen z.B. die Stellung von „Lulu“ als eine romantische deutsche Oper der Frühphase untersucht, bei der die Harmonik avancierter ist als z. B. oft bei Carl Maria von Weber. In Ermangelung von Nachschlagemöglichkeiten hätte hier sicher ein intensives Gespräch mit einem der zahlreich anwesenden Musikwissenschaftlern, Musikprofessoren oder dem Musikdirektor selbst der Kritik gut getan. Frage: Warum wurde die Oper nicht vollständig szenisch aufgeführt? Antwort: Nicht, weil es zu „possierlich“ geworden wäre, wie Frau Kaiser meint, sondern das war einfach eine Kostenfrage für das TfN. Hätten alle (150!)Beteiligten alles auswendig lernen müssen, also eine echte Opernaufführung einstudieren müssen, mit Kostümen und großer Kulisse, wäre das viel zu teuer geworden. Man hat diese Oper quasi als Nebenprodukt der in der nächsten Saison anstehenden „Zauberflöte“ produziert, einfach, um sie überhaupt einmal zeigen zu können. Mit der „Zauberflöte“ lässt sich eben mehr einnehmen, die kennt jeder und schaut sie sich auch gerne noch mal an, aber „Lulu“ ist unbekannt und damit der finanzielle Erfolg nicht gesichert – so einfach ist das! – Und was Frau Kaiser über die Textverständlichkeit schreibt, ist lächerlich! In keiner Oper versteht man die Texte, deshalb gibt es auch die Spruchbänder in den großen Häusern. Ich war gerade zwei Tage vorher in Berlin in einer Aufführung von Weltniveau, habe mir vorher alle Texte zu Beginn durchgelesen und trotzdem nur Wortfetzen verstanden. Wer öfter mal in die Oper geht, weiß, dass das so ist. Frage: Hat sich Ihr Einsatz für diese Oper gelohnt? Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis? Antwort: Ja, ich bin mehr als zufrieden. Das könnte man nun als ein subjektives Gefühl abtun, aber ich wurde durch die Reaktion der Fachleute, die anwesend waren, bestätigt. Auch die – übrigens nicht 400 sondern 500 – Menschen im Publikum gaben nicht nur „freundlichen“, sondern begeisterten Beifall. Viele, viele von ihnen bedankten sich und gratulierten. Ich zeichne nun seit fast fünfzehn Jahren verantwortlich für kulturelle Veranstaltungen in verschiedenen Sparten, aber solche Reaktionen habe ich noch nie erlebt! Ich habe mich auch gefreut, dass so viele Interessierte trotz des Bahnstreiks aus ganz Deutschland, dem Ausland und auch Japan kamen. Sie alle waren begeistert und der Meinung, dass es sich gelohnt habe, für diese Aufführung die langen Wege in Kauf zu nehmen. Ein Besucher hat es auf den Punkt gebracht: „Diese Aufführung heute war eine musikhistorische Sensation!“ Ich möchte an dieser Stelle noch einmal meinen Dank an Werner Seitzer aussprechen, den das Projekt „Lulu“ auch nie losgelassen hat.
  2. Während das einmal in den guten alten Printmedien gedruckt erschienene Wort nicht mehr geändert oder gestrichen werden kann - also 'für immer' in der Welt ist, scheint das in den online-Medien ganz anders zu sein. Wie anders ist es zu erklären, dass die am 10.11. online gelesene Rezension zur Kuhlau-Oper "Lulu" mit einem - nur als unsäglich zu bezeichnenden - ersten Absatz eingeleitet ist über die "Drängelei der Kulturkreisvorsitzenden" zugunsten einer 'Wiederbelebung' der Oper und deren Aufführung am Geburtsort des Komponisten - seit dem 11.11. aber dieser Absatz aus dem Netz verschwunden, also gelöscht worden ist. Eine Erklärung wurde dafür nicht gegeben! Stellt sich die Frage, was die Rezensentin bewogen haben könnte nachträglich Selbstzensur zu betreiben - späte Einsicht, Reue, Gegenwind? Von den Leserinnen ab dem 11.11. ist Dank online Gegenwind nicht zu erwarten. Beim Abdruck der Rezension in der Printausgabe der Baarftgans wäre die Tirade im dann gelöschten Absatz allerdings Anlass gewesen für eine Gegendarstellung. Diese Möglichkeit ist der Betroffenen vorliegend allerdings genommen worden - und dass obwohl die Tirade trotz des nachträglichen Löschens 'in der Welt ist', auch wenn ggf. nur wenige Menschen die erste Fassung der Rezension gelesen haben mögen. wie es auch sei - dass Löschen kann nur als höchst zweifelhaft bezeichnet werden und zudem journalistisch als durchaus problematisch. Und soweit es den werkbezogenen Teil der Rezension betrifft: Es wäre durchaus vorstellbar, dass sich Kuhlau erstaunt die Augen reiben würde, seine Oper "Lulu" ausschließlich im Vergleich mit der "echten Mozartschen Zauberflöte" beurteilt zu erleben. Die geneigte Leserin zumindest hätte es vorgezogen, mehr über das Werk, dessen Hintergrund und Kuhlaus Motive zu erfahren für seine andere Interpretation der "gemeinsamen Quelle". Philine Haase
  3. Ich habe keine Ahnung von klassischer Musik, kann und würde mir also keinerlei fachliches Urteil erlauben. Aber soviel war mir - der Kritikerin wohl nicht - bereits vor der Vorstellung klar: ich saß nicht in der Met in New York, es wurde nicht Mozarts Zauberflöte gegeben und es sangen auch nicht Rolando Villazon und Anna Netrebko. Dennoch habe ich einen wundervollen Abend erlebt und mich an der Musik des Orchesters und der Sänger/innen erfreut. Und ich habe nach der Vorstellung lange und intensiv applaudiert - und zwar nicht aus Freundlichkeit, sondern vor Begeisterung! Das zumindest kann ich besser beurteilen als Frau Kaiser. Auch viele Menschen um mich herum fanden die Vorstellung gelungen. Aber vermutlich waren das auch alles keine Musikexperten. Ich jedenfalls danke dem Kulturkreis und seiner Vorsitzenden herzlich dafür, dass sie diesen Abend möglich gemacht haben.

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