Bildermaler – Menschenmaler

Ulrich Pietzsch aus Waddeweitz wird 80 und stellt seine Bilder im Restaurant „Lässig“ im Uelzener Bahnhof aus

Seine Frau Lydia ruft ihn Schnurri, und wie sie das beinahe singt, impliziert es eine tiefe, lange währende Liebe, großes Vertrauen und die notwendige kleine weibliche Ehe-Tyrannei. Das  Häuschen in Kukate/Waddeweitz liegt einsam und bräuchte keine Tapete, denn die Wände sind mit den Bildern belegt, viele fanden noch gar keinen Hängeplatz.
Ein druckfrisches Werkverzeichnis listet zwischen 1970 bis 2015 nahezu 3000 Arbeiten. Pietzsch ist unermüdlich. In diesem Monat wird er 80 und zeigt – in der 80. Ausstellung übrigens! – seine Werke im Restaurant „Lässig“ im Hundertwasser-Bahnhof Uelzen noch bis 10. März.

Pietzsch nennt sich „der Bildermaler“ – ja, wie sonst?  Vielleicht erklärt es sich wenn man weiß, dass der studierte Philosoph in der „Hälfte des Lebens“ (Hölderlin) seine viel zu oft fremdbestimmte Arbeit als Filmemacher, Autor und Theaterkritiker abbrach und sich der Malerei zuwandte. Er entdeckte diese Passion für sich, ohne sie vorher studiert zu haben.
Sein Werk muss man mögen – ich jedenfalls finde es zauberhaft!

Ulrich Pietzsch macht sich mit seiner Malerei zum Außenseiter und Einzelgänger fern des so genannten Zeitgeists und aller Moden. Die Bilder, die der Künstler erschafft, lehnen sich an den Stil der naiven Malerei an, ohne dilettantische Hobbykunst zu sein.
Einst nur Sammelbegriff für künstlerische Autodidakten, gelang der naiven Malerei die Anerkennung, die sie verdient. Um 1900 in Paris als ausstellungswürdig entdeckt, erreichte diese Art der Realitätsverarbeitung in der Nachkriegszeit große Popularität. Am bekanntesten sind Darstellungen aus Georgien und vom Balkan. Aber auch im Raum des Maghreb, von Marokko bis Tunesien, weiter über Ägypten und Palästina ordnet man bildnerisches Schaffen diesem Stil zu.

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Ulrich Pietzsch mit seiner Frau Lydia.             Fotos: Barbara Kaiser

In der Präsentation von Ulrich Pietzsch hängt rund ein Dutzend Bilder so, als wären sie eben mal aus dem heimischen Wohnzimmer entführt worden. Aber natürlich machen nicht nur die unterschiedlichen Formate und die verschiedenen Bilderrahmen die Wände bunt. Vor den Arbeiten Pietzschs stehend, beginnt eine Entdeckungsreise. Mal augenzwinkernd, meist heiter, ganz oft jedoch mit bedenkenswerter zweiter Ebene hinter den Bildern…

Geboren wurde „der Bildermaler“ bei Dresden. Soeben erschien auch seine Autobiografie „Der kleine Wadenbeißer“ (Husum-Verlag, ISBN: 978-3-89876-765-1) in der er auf humorvolle Art sein Leben beschreibt. Das, wie die schwere Geburt, unter einem Credo zu stehen scheint: „So wird es in meinem Leben immer sein: Ich will erstmal nicht, dann aber muss es doch sein und es wird eine gute Zeit!“

So lernt Pietzsch zunächst in der Landwirtschaft, ist dann Montagehelfer bei der Sicherung der Ruine der Semperoper in Dresden. Er wird Volontär und Redakteur an einer Landwirtschaftszeitung, ehe er von 1959 bis 1964 an der Humboldt-Universität Berlin Philosophie studiert. Er gründet ein Studententheater mit, dem das Schicksal einiger anderer beschieden sein wird in diesen sturen 1960er Jahren: Es wird verboten.

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"Der Kremser"

Pietzsch ist bis in die 1970er Jahre Redakteur und wissenschaftlicher Mitarbeiter in Berlin, arbeitet fürs und am Theater. Von dorther datiert die lebenslange Verbundenheit mit seiner Frau, die Primaballerina an der „Staatsoper unter den Linden“ war. Die Zusammenarbeit des Paares krönen 58 (DDR-)Fernsehdokumentarfilme zum Thema „Solo und Pas de deux“ und im Jahr 2016 die Hommage an sie mit dem Buch „Meine Frau, die Ballerina“ (Selbstverlag).
Nach Enttäuschungen und Querelen, die so manchen Künstler in der DDR trafen, siedelte das Ehepaar 1982 nach Westberlin über. Im Jahr 1988 ziehen sie dann ins Wendland weiter.
Den Humor hat Ulrich Pietzsch wohl nicht verloren, auch wenn er manchmal ein wenig bitter klingt

Seine Bilder jedoch sprühen. Sie sind eine lustvolle, farbschwelgerisch überbordete Welt. Allerdings oft mit doppeltem Boden – also Obacht!
Da wäre zum Beispiel „Pole Poppenspäler“. Vielleicht das zentrale Thema des Künstlers? Geht es doch in der rührenden Novelle von Theodor Storm, die das Schicksal von Paul und Lisei erzählt, um das Verhältnis Künstlerschicksal und bürgerliche Welt schlechthin. Ganz anders jedoch, wie es später bei Thomas Mann eine Rolle spielen wird; denn bei Storm finden beide Welten zueinander. Ohne Vorurteile, in Harmonie.

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"Pole Poppenspäler"

Bei Ulrich Pietzsch sitzt Pole Poppenspäler im Wohnzimmer mit seiner Frau beim Kaffee und liest (bezeichnenderweise) die Zeitung „Das Volk“. Seine Marionetten sind um ihn versammelt und schauen zu. Holt sich der Künstler inzwischen seine Anregungen aus der Zeitung? Wohl kaum. Ist er fett und bequem geworden? Wenigstens sein Hund – überhaupt scheint es eine Affinität des Künstlers zu diesem Nachfahr des Wolfs zu geben – guckt skeptisch, weil auf diese Art Welt nicht zu erfahren sein wird. Der Vierbeiner sieht aus, als wollte er raus, auf und davon und – sein Herrchen mitnehmen in den frischen Wind Realität!

Pietzschs Frau Lydia sagt, dass „seine Fantasie keine Grenzen hat“. Er male so, wie ihm sei, „und ich bin immer wieder überrascht.“
Die Bilder sind von leuchtender Farbigkeit. Manchmal herb streng, in rigoroser Formverknappung, vehementer Linienführung. Sie bannen die Spontaneität des Augenblicks, erzählen, die Aussage auf den Punkt bringend, in einer Form, die nicht Natur ist, sondern Zeichen. Sie sind präsent wie fragil gleichermaßen.

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"Schaukelpferd"

Mit Übermut illustriert er die Titel der Arbeiten meist spitzzüngig wörtlich. Wie in „Der große Schweinekönig“, wo das von einem bekrönten Mann an der Leine geführte Borstenvieh Statussymbol zu sein scheint. Hoffentlich macht das nicht Schule! Das „Schaukelpferd“ trägt unverkennbar Don Quichotte, den Ritter von der traurigen Gestalt. In der Ferne lugt Sancho Pansa neben seinem Esel und eine kleine Windmühle gibt es auch. Aber: Der Ritter wird nicht vorankommen mit diesem Transportmittel und ist somit gleich doppelt getäuscht. Oder täuscht er sich allzu gerne selbst? Das Schaukelpferd ist doch bequem!

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"Fußballspieler"

Ulrich Pietzsch hat eine Vorliebe fürs Spiel. „Clowns auf Skiern“, „Fußballspieler“, „Der Kremser“ zeugen davon. Es gibt auch ein Bild (nicht in der Ausstellung) „Hofnarr und König“. Angesichts dessen ist unbedingt zu bedenken, dass gerade der Clown, der Narr, der nachdenklichste und demzufolge manchmal der traurigste aller Zeitgenossen ist.
Vielleicht stülpt sich auch der Künstler Pietzsch die Narrenkappe über, um alle Widrigkeiten auszuhalten?

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"Mädchen im Schnee"

Noch eine notwendige Anmerkung: Während in der Kunst der letzten 60 Jahre die westlich dominierte Abstraktion den Bildern die Gesellschaftskritik austrieb, wenn „figürliche Malerei“ meist abwertend gemeint war, so sollten wir nicht vergessen, dass genau diese Art der Malerei die menschlichste ist. Ulrich Pietzsch huldigt ihr. Auf den ersten Blick als Spaßmacher. Es bedarf deshalb unbedingt eines zweiten.

Es ist also nicht zu befürchten, dass der Jubilar stehen wird wie im oben erwähnten Hölderlin-Gedicht: „Weh mir, wo nehm ich, wenn/ Es Winter ist, die Blumen, und wo/ Den Sonnenschein,/ Und Schatten der Erde?“
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Barbara Kaiser – 10. Februar 2017

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