Bach als Samba

Trompete und Orgel im zweiten St.-Marien-Sommerkonzert

Es kann gar nicht sein, dass die Engel, wie behauptet, Harfenspieler sind. Schon wer sie in Goethes Faust-Prolog donnern hört, kann sich dazu eigentlich nur eine Orgel und eine Bachtrompete vorstellen. Und: die Orgel taugt auch für Swing – eigentlich wussten wir es.

Was noch alles geht, bewiesen im zweiten St.-Marien-Sommerkonzert Matthias Zeller an eben diesem Instrument und Daniel Schmahl (Trompete, Flügelhorn). „Klassikfantasie – `alte` Musik im neuen Klanggewand“ versprach das Programm, dem wieder ein sehr zahlreich erschienenes Publikum lauschte. Was fernab üblicher Dramaturgie in Szene gesetzt wurde, war keineswegs Respektlosigkeit, sondern glänzende Musikalität, kompositorischer Einfallsreichtum und eine ganze Menge Virtuosität.

Fotos: Barbara Kaiser

Dieses Sommerkonzert war die Stunde des sensiblen Klangs und der immensen Ausdruckskraft. Daniel Schmahl und Matthias Zeller  agierten in animiertem Wechsel- und Zusammenspiel, mit unwiderstehlichem Schmelz. Traumhaft sicher in den Höhen an Trompete beziehungsweise Horn, mit ausgeprägtem Differenzierungsvermögen und lockerem Drive an der Orgel. Musik von makelloser Artikulation, zündender Dynamik und bezwingender Klangkultur. Es war ein Spiel in äußerster Konzentration, das keine Durststrecken kannte, ein Feuerwerk von funkelnder Leuchtkraft.

Als Entree kurz und donnernd auf der Orgel Filmmusik aus „The Piano“ von Michael Nyman, fürs Kontrastprogramm sorgte das Adagio von Tomaso Albinoni, Bachzeitgenosse, der allerdings nur eine Bassstimme hinterließ, die erst 200 Jahre später zu dem ergänzt wurde, was wir heute lieben.
Für die Besinnung danach des Barockmeisters Choral „Jesus bleibet meine Freude“ (BWV 147); stimmungsvoll die Trompete, die Orgel in schönen Schleifen drum herum. „Star Wars“-Musik als drohende Presto-Fanfare der Orgel, dann ein Bach-Präludium voller Übermut. Ein Wettstreit zwischen den Instrumenten, bei dem es keinen Verlierer gab, voller lateinamerikanischer Synkopen und mit Schwung.

Tempo, Klarheit und Durchsichtigkeit bestimmten das Musizieren der beiden Instrumentalisten. Konsequente Energie gab den Darbietungen Glanz. Da gelang Lyrisches wie Monumentales. Freches auch, wenn zu Edvard Grieg und „Solveigs Traum“ der Tanz der Trolle kombiniert wird und das „Als ich fortging“ der DDR-Rockgruppe „Karussell“ aus dem Jahr 1987. Der Sänger Dirk Michaelis machte den Text von Gisela Steineckert zu einem Hit, der unter die Haut geht bis heute.

Ein großartiges Klangtableau voll ehrlicher Direktheit, kein Trend, keine Pose – nur Musik. Sehr gegenwärtig und doch traditionsbewusst. Technisch absolut brillant und an nicht einer Stelle verschludert. Und zum Freuen, wenn die Orgel mit der Trompete so wunderbar charismatisch miteinander, füreinander, umeinander – nie jedoch gegeneinander rockte. Mit ausdrucksintensiver, ja abgründiger Klanglichkeit und Experimentierfreude.
Es gab langen Beifall für diesen verführerischen wie lebensfrohen Konzertabend.

Am kommenden Samstag, 15. Juli 2017, kommen um 16.45 Uhr die Musiker von „Magenta“ in die St. Marien Kirche. Die Blechbläser sind Absolventen der Musikhochschule Hannover und spielen „Brass in concert“.
Barbara Kaiser  – 09. Juli 2017

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